It’s a Match(a)

Japan ·   ·  6 min zu lesen

Japan hat weltweit gesehen eine der ältesten Gesellschaften. Hier sind die Menschen im Durchschnitt schon über 65 Jahre alt, nach einem anstrengenden Arbeitsalltag reif für die Rente und so grauhaarig wie nahezu alle Portraits die wir während unserer Reise mit der Kamera geschossen haben. Hier ist es gar nicht mehr nötig, den Schwarz-Weiß Filter zu nutzen um ein wenig mehr Grau auf die Photos zu bekommen, auch wenn sich JapanerInnen generell nur sehr ungern fotografieren lassen. Die japanische Gesellschaft steht aber nicht nur demografisch gesehen vor einer Mammut-Aufgabe. Nicht nur, dass die Geburtenrate weit unter z.B. der schon ungünstigen deutschen liegt, nein, JapanerInnen leben auch im Schnitt am längsten. Warum ist das so? Was macht die japanische Bevölkerung zu solchen Lebenskünstlern? Wir versuchen heute zumindest mit einem kleinen Schritt diesem Rätsel auf die Spur zu kommen.

Dafür sind wir mit unserem Van weit ins japanische Hinterland gefahren, über Berge und durch Täler hindurch, vorbei an herrlichen Flusslandschaften, Shinto-Tempeln und vielem mehr. Wir sind heute in Uji, einem kleinen Provinzstädtchen in der Nähe von Kyoto. Schon auf dem Weg manövrierten wir unseren dicken, unhandlichen Van über enge, gewundene Waldstraßen und hofften nicht nur einmal auf den Beistand des Autogottes Toyoto-San, er möge die Flanken unseres so geliebten Vehikels für ein paar Sekunden etwas enger drücken. Umgeben von einem hügeligem Wald liegt Uji in einem friedlichen, grünen Tal. Doch die sanften Hügel die sich in alle Himmelsrichtungen hinaus erstrecken beherbergen einen grün-glänzenden Schatz der die Landschaft und das Treiben Uji’s bestimmen. Lange Linien gerade gesetzter Büsche ziehen sich Reihe um Reihe die Hänge hinauf, mal mit einer schwarzen Plane bedeckt, mal kahl geschoren oder frisch aus der neu gepflügten Erde heraussprießend. Hier wächst die Seele Ujis, ja, vielleicht sogar die Seele der japanischen Kultur. Hier wächst Tee.

Der Tee ist aus dem japanischen Leben ebensowenig wegzudenken wie der Shintoismus oder die urigen Ramen-Restaurants. Dieses grüne, braune oder schwarze Getränk ist im Land des Kaisers wirklich allgegenwärtig. Tee gibt es im Restaurant meist gratis zum Essen, Tee gibt es in jeder Form und Farbe und die Kunst des Tee servierens, die japanische Teezeremonie, ist schon seit dem Mittelalter eine komplizierte und aufwändige Prozedur die immer wieder verfeinert und perfektioniert wurde. Es gilt die richtige Bewegung zur Stimmung zu machen, die passende Blumendeko für die Jahreszeit auszuwählen und die friedliche Stimmung eines gemeinsamen Zusammenkommens heraufzubeschwören. Wenn du dich dafür interessierst wie so etwas abläuft findest du in eine Beschreibung einer solchen Zeremonie auf unserem Blog! Ursprünglich aus China importiert hat sich der grüne Blättersaft in Japan geradezu in die Herzen der Menschen geschlürft. Es gibt hier natürlich “normalen” Grüntee, Schwarztee oder den aromatischen Roibos-Tee. Doch die eigentliche Krönung des Teebrauens liegt woanders. Über den holzig-dunklen Rösttee, den Hafertee, den Kombu-Cha (Der nichts mit Kombucha zu tun hat) führt letztlich nichts am cremig-dunklen Matcha vorbei. Matcha ist hier ohne Frage die beliebteste Tee-Sorte. Das grüne Pulver das aufwändig mit Steinmühlen so fein wie möglich gerieben wird ist hier eine wahre Delikatesse. Frischer Matcha wird nur zu besonderen Anlässen serviert, denn dieser bedarf Ruhe, Frieden und sicher auch eine etwas losere Geldbörse. Auch der Ort des Genusses wird sorgfältig voher ausgewählt. Die Tee-Stuben in denen wir Matcha tranken gehören mit zu den schönsten Einrichtungen die wir besuchten. Wir saßen schon mitten zwischen Bambusstämmen, an einer frischen Quelle im Moosbett oder in einer wunderschönen, traditionellen Holzkonstruktion wie es so viele in Japan gibt. Zubereitet mit einem stylischen Holzbesen wird das Pulver in fast kochendem Wasser aufgelöst und um der Bitterkeit Einhalt zu gebieten mit einer neutralen Süßigkeit zusammen in einer flachen Schale serviert. Das noch schäumende Getränk mag zu Beginn ein bisschen eigenartig schmecken, zeigt aber mit jedem weiteren Schluck mehr von seiner großen Geschmacksvielfalt, von Tiefe und Vielseitigkeit die ein normaler Grüntee einfach nicht hat. Um Matcha zu trinken braucht man also Zeit, es ist etwas sehr entspannendes und zudem scheint dieses Unterfangen auch sehr gesund zu sein, glaubt man den aktuellem Superfood-Hype.

Es bleibt also außer Frage, dass wir in Japan diesem besonderen Getränk jede Chance geben die wir finden können. Wir haben uns schon das ein oder andere Mal eine Schale Matcha gegönnt, essen Matcha-Kuchen, Matcha-Kekse und ein Matcha Eis findet quasi an jedem heißen Tag seinen Weg zu unseren hungrigen Zungen. Hier, in Uji, gelang es uns außerdem, mal einen tieferen Einblick in die Herstellung dieses einzigartigen Getränks zu erhaschen. Wir besuchten verschiedenste Tee-Häuser und ließen uns ausführlichst zu den Tees beraten. Wir lernten in einem kleinen Museum wie Matcha und andere Grünteesorten gepflückt, getrocknet, gedämpft und teilweise auch zerieben werden, welche Unterschiede es zwischen Sencha und Tencha-Pflanzen gibt und wie teuer Matcha wirklich sein kann. (Ziemlich teuer!). Einmal wagte ich es, an einem noch recht frühen Morgen durch die Teeplantagen zu joggen, nur um mein Vorhaben schon nach wenigen Kilometern völlig schweißgebadet zu verfluchen. Das Thermometer hatte vielleicht nur 25 Grad angezeigt doch ich hatte den bitteren Fehler gemacht nicht auf die 95% Luftfeuchtigkeit zu achten die mich am Ende mehr zu einem wandelnden Salzwasserbrunnen machte als zum stählernen Bergjogger den ich mir vorgestellt hatte. Doch gelohnt hat es sich trotzdem und ich konnte während meiner Tortur beobachten, wie die Farmer sich liebevoll um ihre Teepflanzen kümmerten, keine Mühe scheuten die Blätter vor zu viel Sonne abzuschirmen und jedes überflüssige Blatt penibel abtrennten. Eine Teefarm scheint die Farmer den ganzen Sommer über in Anspruch zu nehmen, es ist wohl eine Kunst für sich den Geschmack des Tees zu perfektionieren.

In Japan wich unsere “Notfall-Cola”, die wir zugegebermaßen ab und zu zur Erfrischung benötigten, einem wesentlich gesünderen Notfall-Eistee den es hier in jedem Getränkeautomaten oder im Supermarkt billig zu kaufen gibt. Japan hat wohl die höchste Getränkeautomatendichte der Welt, mit einem Getränkeautomaten auf 30 Einwohner stehen diese kühlen Durstlöscher eigentlich an jeder Ecke herum. Auch im Supermarkt oder im winzigen Convenience-Store um die Ecke sind immer ganze Kühlregal-Wände für eine große Auswahl Eistees reserviert. Aber Eistees in Japan sind im Gegensatz zu Eistees anderswo genau das, was sie versprechen. Es sind zuckerlose Teegetränke die einfach nur erfrischend sind und das schlechte Gefühl einer ansonsten überzuckerten Abkühlung bleibt direkt mal weg. Wahrscheinlich ist die Lebenserwartung der JapanerInnen schon allein um mehrere Jahre höher als die anderswo wegen dieser zuckerlosen Lebensretter. Man nehme dazu noch die gesunde Ernährung und die vielen friedlichen Orte in Natur oder Shinto-Schreinen und schon ist das höhere Lebensalter wahrscheinlich automatisch erreicht. Wenn jetzt noch ein aphrodisierendes Teegetränk und geringere Arbeitszeiten hinzukommen wären vielleicht schon die größten Probleme aus der Welt geschafft. Ich jedenfalls gönne mir jetzt erstmal einen kühlen Jasmintee und atme die frische, grüne Luft des nächsten Bambuswalds in mich hinein. Kampai!

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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