Yet another Volcano?

Mittelamerika ·   ·  4 min zu lesen

“Wieso tue ich mir das eigentlich an? Hab ich in meiner Kindheit nicht schon genug Berge bestiegen, habe ich nicht die Zugspitze oder den Säntis beklettert, reicht das denn nicht? Ist es das wirklich Wert?” frage ich mich während ich nach einer stundenlangen Schlammschlacht unserem Tourguide um die nächste Ecke des engen Nebelwald-Trampelpfades, Nein, Trampelflusses folge. Über Stock und Stein wäre für diesen einen Pfad wohl eine maßlose Untertreibung, denn unser Weg führt uns nun schon seit dem Sonnenaufgang über so einige Stöcke und Steine, aber vor allem über einen immer tiefer werdenden Schlammfluss der seit einigen Minuten auch damit angefangen hat, uns das überschüssige Nebelwasser in einem leichten aber stetig stärker werdenden Fluss voller Schlamm von oben herabzusenden. Ich befinde mich mal wieder auf einer der vielseitigen Vulkantouren in Nicaragua, dem Land des Feuers. Aber von Feuer ist hier oben weit und breit überhaupt nichts mehr zu sehen. Stattdessen wird der wilde Nebelwald immer dichter, der Wanderfluss immer steiler und rutschiger und ich selbst mit jedem Schritt nässer. Vom anmutigen, hochmotivierten Wanderer-Burschen der heute Morgen mit seinen tollen Wanderschuhen und prall gefülltem Tagesrucksack dem Guide begegnet ist ist nicht viel mehr als ein müder Reisender mit hängenden Schultern in Schlamm-Cameo-Jacke übrig. Doch für einen weiteren Vulkan ist mir nichts zu schade! Denn Nicaraguas Berge haben bis jetzt noch kein einziges Mal enttäuscht.

Da war zum Beispiel der grün-gelbe Riese mit dem klangvollen Namen Mombacho. Umringt von gigantischen Regenwaldbäumen ragt seine Spitze so weit über das Land hinaus, das von oben ganz Nicaragua zu sehen gewesen wäre. Auf dem Mombacho wanderten wir von Krater zu Krater, entdeckten immer wieder neue Löcher im Boden aus denen heißer Schwefeldampf in unsere neugierigen Gesichter blies, und waren uns nicht zu schade unser selbst nach dem Sprachkurs fragwürdig brüchiges Spanisch zu Rate zu ziehen um ein paar Tiere und Pflanzen kennenzulernen. Nach ein paar Stunden kamen wir dort an einen gigantischen, gelben Schlund der beim letzten Hickser gleich einen halben Wald in Windrichtung aus Versehen verschluckt hatte.

An einem anderen genauso spannenden Tage bestiegen wir den Masaya-Vulkan, der nicht nur einen ebenso faszinierenden und außerirdischen Krater besaß sondern sogar noch einen Blick in des Teufels feurige Unterwelt erlaubte. Bei anbrechender Dunkelheit versammelten wir uns am Kraterrand und bestaunten den nunmehr sichtbaren voller glühender Lava brodelnden Lavasee der hier jeden Tag, jedes Jahr schon seit über 500 Jahren auf seinen nächsten Ausbruch vor sich hin brodelt. Ein Schauspiel, dass es nicht nur an wenigen Orten überhaupt zu bestaunen gibt, sondern uns auch wieder drastisch klar machte, wie unbedeutend wir winzigen Menschlinge doch sind im Angesicht solch fantastischer Naturkräfte. Das Tor in die Unterwelt, wie der Masaya-Krater nur zu Recht auch genannt wird, war nebenbei gesagt auch während des schrecklichen Bürgerkriegs der 70er Jahre ein Willkommener Abfall-Eimer für menschliche Überreste jedweden Lebenszustands, aber wahrscheinlich wäre das in jedem anderen Land genau so passiert, denn was im Lava-See passiert bleibt definitiv auch im Lava-See.

Doch zurück zur Schlammschlacht des Madera-Vulkans. Nach ein paar weiteren Stunden des immer rutschiger werdenden Aufstiegs kamen wir letzten Endes auf der Spitze des Vulkans an. Doch wer sich nun einen spektakulären Krater mit schwefeligen Rauchschwaden und feurigen Drachen ausgemalt hat, hat wohl nicht ganz aufgepasst als ich vorhin vom Nebelwald geschrieben habe. Denn statt Lava und Schwefel gab es auf dem Madera nur eine nebelbehaftete Pfütze und die Gelegenheit seine erstaunlich ungebrochenen Knöchel bis zum Knie in Schlamm zu versenken wenn man auf dem Weg zum Ufer nicht auf den weichen Boden geachtet hätte (Alles natürlich rein hypothetisch). Doch eine Enttäuschung war der Madera, als dritter Vulkan im Bunde, natürlich trotzdem nicht. Es war vielleicht ein Kampf ums Überleben, eine nimmerendende Rutschpartie die 1300 Höhenmeter auch wieder herunter zu kommen, doch auf dem Weg lernte ich die Unterscheidung zwischen tiefem und flachem Schlamm, zwischen rutschigen und brechenden Baumwurzeln, zwischen stacheligen und klebrigen Baumstämmen und zwischen einem Nebelwald und einem “normalen” Regenwald. Und nebenbei fühlte ich mich mal wieder wie Alexander Humboldt auf einer Entdeckungstour ins Ungewisse.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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