Wenn nicht jetzt, Van dann?

Japan ·   ·  6 min zu lesen

Japan wird auch als die grüne Insel bezeichnet. Als das bergige “Wa”. In diesem Land gibt es lange Küsten, schroffe Vulkane verborgene Schreine und abgelegene Mooswälder. Als wir noch in Deutschland unsere Reise planten war Japan eigentlich nicht auf dem “12-Monate-Plan”. Zu teuer, zu wenig Zeit, zu abgelegen und natürlich zu fischig seine Küche, wie uns schien. Doch als wir dann nach und nach während unserer Reise bemerkten, dass unsere ursprüngliche Route zu ambitioniert war kam dieser kulturelle Gigant wieder aus der Versenkung hervor und wir entschieden unser Glück zu wagen. Doch wie bereist man als Backpacker dieses Land? Zug und Bus sind teuer, die Unterkünfte würden ein riesiges Loch in unseren Geldbeutel reißen und das Essen in den Restaurants würde höchstwahrscheinlich nicht unseren vegetarischen bis veganen Ansprüchen genügen. Also entschieden wir uns, erstmalig das Van-Life auszuprobieren. Mit einem Bett auf Rädern und einer Küche auf dem Boden hofften wir, ein wenig Geld und viel anstrengende Restaurant-Suchen zu sparen. Sicher, wesentlich günstiger würde es dadurch auch nicht werden, aber das Van-Life würde uns, so hofften wir, zumindest mehr Flexibiltät geben auch mal an abgelegenere Flecken zu kommen. Zumindest 3 Wochen mal ganz ohne Hotelsuche schienen unvorstellbar attraktiv. Also gesagt, getan. Wir mieteten online einen kleinen Campervan und düsten nach unserer Stadtzeit in Tokyo direkt los. ACHTUNG: Linksverkehr, immer links bleiben, Robin!

Die ersten Tage auf Rädern waren gelinde gesagt zugleich befreiend und ein wenig beängstigend. Wir taten uns in der Nähe Tokyos und des Fujis noch recht schwer mit der Stellplatzsuche. So übernachteten wir auf einem ungemütlichen Stundenparkplatz mitten in Kamakura, beäugt von den misstrauisch und kritischen Blicken der dörflichen Hundespaziergänger. Die Luft im Van glich in der Nacht eher dem Klima einer Schulsportumkleide, das Bett war ein wenig durchgelegen und recht eng und es gelang uns in der ersten Woche nur höchstselten auf Anhieb an die richtige Van-Seite zu gehen um einzusteigen. Ein ums andere Mal mussten wir den Van umrunden bis wir erst nach dem hundertsten Versuch lernten, dass die Fahrerseite im Linksverkehr auch auf der anderen Seite ist. Andere Mitparkende ließen die ganze Nacht das Standgas an um einen klimatisierte Schlaf zu genießen und besonders bei den großen LKWs war dieser Lärm irgendwann wirklich nervtötend. Doch nach diesen anfänglichen Schwierigkeiten wurde unsere Roadtour mit jedem Tag besser. Wir fanden immer häufiger die praktischen und meist schönen Michi-No-Ekis, die japanischen Roadsidestations bei denen man umsonst parken kann, Zugang zu Toiletten hat und meistens sogar Zugang zu einem süßen Shop bekommt, in dem die lokalen Bauern ihre Produkte verkaufen. Wir lernten uns möglichst ans andere Ende der LKW-Parkplätze zu stellen und einigten uns auch mit den japanischen Mücken auf einen Waffenstillstand.

Auch der japanische Verkehr wurde mit jedem Tag einfacher und verständlicher. Wir hatten auf der Straße eine Offenbarung was das Hupen in verschiedenen Ländern angeht die zu teilen ich mir nicht zu schade bin. Das Hupverhalten beschreibt immer wieder anschaulich die unterschiedlichen Mentalitäten mit denen wir in Kontakt waren. Während in Deutschland ein Huper oft schon die letzte Eskalationsstufe einer genervt-aggressiven “Ich bin der König der Straße”-Haltung ist, war ein Huper in z.B. Ägypten eher ein freundliches “Hey wie gehts, schön das du da bist”. In Indien dagegen war ein Huper eher ein “Achtung, ich komme jetzt schnell und nehme überhaupt keine Rücksicht auf dich”, in Vietnam ist das Hupen einfach Teil des schnellen Verkehrs tausender Saigonellen und gehört irgendwie einfach dazu und in Korea wurde überhaupt nicht gehupt. In Japan hingegen wäre eine so offene Zurschaustellung von Verärgerung nicht denkbar. Hier gibt es aber dennoch Huper, diese klingen aber eher wie ein “Danke, dass du auf mich geachtet hast. Ich wünsche dir noch einen schönen Tag. Vielen Dank!”. Als wir diese Bedeutung letztlich verstanden wurde die Zeit auf der Straße auch immer angenehmer. Die Straßen in Japan sind meist gut wenn auch mit wirklich teurer Maut reguliert und auch wenn ich immer noch nicht so ganz schlau aus dem “Links vor Rechts”-Verhalten geworden bin, denn irgendwie fühlte es sich immer eher nach einem “Du darfst auf jeden Fall zuerst fahren, ich bin dir dankbar dass es dich gibt” angefühlt hat war das allgemeine Verkehrsverhalten sehr ruhig und zurückhaltend. Niemand rauschte mit 200 km/h an uns vorbei, keine Lichthuper oder aufdringlichen Hinternschnupper drängten uns im Gegensatz zur deutschen Autobahn und man nahm immer Rücksicht auf die anderen Verkehrsteilnehmer.

Der Van ermöglichte uns in diesen 3 Wochen an Orte zu kommen, die sonst nur sehr umständlich zu erreichen gewesen wären. Wir machten gleich mehrere Stops an den wundervollen Seen rund um den Fuji-San, holten jede kleine Ponystärke aus unserem Gefährt um die steilen Serpentinen in den japanischen Alpen hochzudüsen und nahmen uns alle Zeit der Welt zwischen Berg und Fluß um die Natur zu genießen. Besonders gut hat uns die Zeit bei Kamikochi gefallen. In diesem recht touristischen Tal mitten im Herzen Honshus fließt ein kristallklarer Gletscherfluss durch friedliche Wälder und lädt die Besucher, und auch einige lokale Schneeaffen, zum gemütlichen Verweilen ein. Die meisten japanischen Besucher kommen dann auch bis an die Zähne “bewaffnet” mit einer Outdoor-Ausrüstung die so aussieht, als ginge es gleich auf den Mount Everest und dann einmal quer durchs amerikanische Hinterland bis in die Wüste Gobi. Von überall her klingelten die Bärenglocken von den mit zahllosen Objektiven gefüllten Wanderrucksäcken und nahmen uns jede Chance mal einen Bären in den Bergen zu beobachten. Doch die rotgesichtigen Makaken entlohnten uns dennoch mit ihrer Anwesenheit und kümmerten sich kaum um uns als sie mal spielerisch über unseren Köpfen tobten, sich mal gemütlich am Wegesrand lausten oder einfach nur wie die Menschen auch auf den Wanderwegen spazierten. Meistens kauten sie aber gemütlich auf ein paar frischen Bambuszweigen herum und bewegten sich höchstens ein paar Meter zum nächsten Bambusbusch. Auch die vielen historischen Wanderwege aus der Edo-Periode mit ihren stimmungsvollen Teehäusern und alten Pilgerheimen wie zum Beispiel im Weltkulturerbe Kumano Kodo, dem einzigen Weltkulturpilgerweg neben dem Camino de Santiago, hätten wir ohne Van nur schwer genießen können.

In den 3 Wochen Roadtrip kamen wir noch an so vielen anderen, unterschiedlichen Orten vorbei dass ich alleine dazu jede Menge Berichte schreiben könnte. Der Van ermöglichte uns wirklich eine Flexibilität und Geschwindigkeit aufzunehmen, die wir während unserer vorherigen Reisezeit nicht kannten. Doch es war zugleich auch recht anstrengend immer wieder auf den Van angewiesen zu sein. Besonders bei schlechtem Wetter, und das gab es in der Regenzeit tatsächlich immer wieder, schränkte der kleine Raum und das ungemütliche Bett uns schon auch ein wenig ein. Für uns war es die beste Möglichkeit diesen Teil des Landes zu erkunden ohne auf vegetarische Restaurants und Busse angewiesen zu sein, aber es bleibt vermutlich nicht unsere Lieblingsreiseart. Dennoch packten wir am Ende der 3 Wochen etwas wehmütig unsere Rucksäcke mit dem Wissen, dass jetzt wieder die Zeit des ständigen Aus- und Einpackens gekommen war. Vielleicht ist es auch die Abwechslung, die eine gute Reise ausmacht. Wir würden in Japan auf jeden Fall wieder einen Van mieten.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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