Weiter in die Zukunft

Korea ·   ·  6 min zu lesen

Ein neues Land, eine neue Kultur, ein neues Leben! Hier sind wir, angekommen in Korea, am östlichsten Punkt unser bisherigen Reise. Nachdem wir einen kleinen Zwischenstopp bei unseren guten alten Freunden, den Saigonellen, hatten kamen wir in freudiger Erwartung auf etwas neues und spannendes aus dem Flieger gestiegen. Als wir ein paar Stunden zuvor in die Maschine eingestiegen waren war uns natürlich bewusst, dass wir ein bisschen in die Zukunft reisen würden, immerhin sind es jetzt 7h Zeitverschiebung im Vergleich zu den harmlosen 3,5 Stunden Indiens, doch dass unsere Reise noch viel weiter in die Zukunft gehen würde war uns da noch nicht klar gewesen. Die ersten Tage in Seoul fühlten sich für uns ziemlich surreal an. Irgendwie fühlte sich Seoul an wie eine Modell-Stadt für das Leben in vielleicht 30-50 Jahren. Der gesamte Alltag ist digitalisiert, es gibt hier zum Beispiel landesweite Cash-Karten mit denen man alles überall bargeldlos bezahlen kann ohne seine Seele an eine Bank zu verkaufen, ein unglaublich gut funktionierendes ÖPNV-Netz und, vielleicht auch deshalb, vergleichsweise wenig private Autos auf den Straßen. Wir haben auch nach einer Woche Seoul noch keinen ernsthaften Stau miterlebt, das wäre in einer Millionenstadt in Europa einfach undenkbar. Fast alle Museen sind hier kostenlos, anscheinend ist auch die medizinische Versorgung für alle Bürger umsonst und wir bekommen immer mehr den Eindruck: Diese Stadt funktioniert einfach. Die Busse kommen, die Züge fahren, das Bezahlsystem ist super die Museen sind inspirierend und die Tempel strahlen in makellosem Glanz in der angenehmen Frühlingssonne.

Doch zwei kleine Probleme gibt es dann doch. In Seoul scheint es einfach viel zu viel zu sehen zu geben. Wir haben hier 2 Wochen eingeplant doch es wäre überhaupt kein Problem, weitere 14 Tage anzuhängen. In diesen 2 Wochen schaffen wir es gerade einmal, die Hauptsehenswürdigkeiten abzuklappern. Da wäre zum Beispiel der Tempel…. Ah, ja. Da ist das zweite Problem. Die Sprache ist, auch wenn mühsam nahezu alles auch noch in Englisch angeschrieben ist, sicher eine kleine Hürde. War das gerade jetzt der Gyeongbokgung Tempel oder doch eher der Changdeokgung-Komplex? Vielleicht waren wir auch im Changgyeonggung? (2 Doppel-G’s in einem Wort??) All diese Namen lassen sich doch nur allzu leicht miteinander verwechseln und wenn uns mal ein interessierter Tour-Guide fragt ob wir schon in diesem oder jenen Tempel waren gucken wir oft ziemlich dumm in die Röhre, denn so ganz ehrlich können wir diese Frage meist nicht beantworten. “Yes, that’s the east temple, right? Yes, I think so!”. “So you have seen the green rooftop there?”. - Stille. “Ehm, maybe?”. Aber ein so richtiges Problem ist das natürlich auch nicht, dann schauen wir uns den Tempel halt noch einmal an, es lohnt sich auf jeden Fall. Denn bisher waren alle Tempel und Palastanlagen die wir besichtigen konnten ganz schön beeindruckend.

Besonders herausragend waren hier auf jeden Fall die beiden Königspaläste. Aus irgendeinem im Nachhinein nicht mehr ersichtlichen Grund hat die Joseon-Dynastie die vom 14. bis ins 20. Jahrhundert die Könige Koreas geboren hatte, entschieden, dass es schade wäre nur einen gigantisch großen, prächtigen Palast im Zentrum der Stadt zu haben. Also entschieden sie kurzerhand, einen zweiten, ebenso großartigen Komplex nur wenige hundert Meter neben den ersten zu errichten. Und wie prächtig diese beiden Paläste auch sind. Im Prinzip sind das mehrere Hektar große, weitläufige Anlagen voller wunderschön errichteter Häuser und Tempel mit den typischen geschwungenen Holzdächern in koreanischen Farben. Wunderschön geschnitzte und bemalte Holzkonstruktionen die anscheinend ohne irgendeine Art Nagel erbaut wurden zieren hier jedes Haus und jedes noch so kleine Tor. Liebevoll sind diese Aneinanderreihungen hölzerner Balken bis in jede kleinste Ecke hin bemalt und im Innern erstrecken sich weitere kunstvolle Gold-Verzierungen in jede Himmelsrichtung. Muster in jeder Form und Größe und in edlem Blau bedecken die zarten Papierwände der intimeren Wohnbereiche des Königs. Der östliche der beiden Paläste hat zudem eine wunderschön angelegte Garten-Anlage im Norden, in der man durch eine Miniatur-Berglandschaft hindurch zwischen Pavillons, Seen und Wäldern spazieren gehen kann. Es fühlt sich hier zu keinem Zeitpunkt danach an, als wäre man in einer Millionenstadt.

Neben diesen im ersten Moment offensichtlich beeindruckenden Dingen sind es aber gerade die vielen kleinen Details, die uns hier so überzeugt haben. So sind alle Gebäude vorbildlichst barrierefrei zu besuchen, es gibt zum Beispiel Braille-Tafeln in jedem Museum und an jedem größerem Platz finden sich behindertengerechte Toiletten. Da wäre das unwahrscheinlich schnelle Internet, die Bus-Navigation die auf die Minute genau vorhersagen kann wann der nächste Bus kommt, die anschnallbaren Kindersitze an der Toilette um auch als Elternteil entspannt auf Klo gehen zu können oder einfach nur der Roboter-Museumsgehilfe der uns mit charmantem Lächeln den Weg durch das Museum erläutert. Ein bisschen Angst bekommt man allerdings auch vor der Zukunft wenn man bedenkt, das ein gar nicht so kleiner Anteil an Shops in den Einkaufspassagen nur dafür gedacht ist, Selfies zu machen. Da sind dann tausende Utensilien wie Kopfbedeckungen, Kuscheltiere oder Manga-Kleider an den Wänden aufgehängt die man sich ausleihen kann um dann in der Gruppe zusammen lustige Fotos zu schießen.

Zudem scheint ein großer Teil unserer zukünftigen Ernährung aus Fertigsuppen zu bestehen. Die grellbunten Plastikbeutel mit Nudeln und weiteren Plastiktüten für Soße und Würze dominieren in jedem Supermarkt bestimmt 15-20% der Auslagefläche. Vermutlich sind immerhin unzählbare Menschenleben durch die praktischen Lichter am Boden vor jeder Ampel gerettet worden, die immer in der passenden Ampelfarbe leuchten und den auf ihre Selfies im Internet fixierten Menschen deutlich klar machen, dass sie gerade lieber stehen bleiben sollten. So wie bei dieser Lösung haben wir oft den Eindruck bekommen, dass Seoul sich nicht von veralteten Konventionen blockieren lässt, sondern vielmehr von Pragmatismus geleitet die tatsächlichen Hindernisse angeht und so ein stimmigeres, sichereres Stadtbild entstanden ist.

Seoul fühlt sich um weiten moderner an als die europäischen Städte, es lässt uns auch mit ein bisschen Hoffnung zurück, dass der ÖPNV sehr wohl gut als Hauptverkehrsträger funktionieren könnte. Seoul ist zwar groß und voll, man merkt das aber kaum denn es gibt hier viel Grün und viele Möglichkeiten, der Hektik des Alltags zu entfliehen. Es macht Spaß sich hier einfach treiben zu lassen, immer wieder über etwas futuristisches zu Staunen und so zu genießen, dass diese Stadt einfach mal funktioniert.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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