Von Blondlocken, Felsbrocken und Abrissglocken

Indien ·   ·  5 min zu lesen

“One Selfie please?” … “Ok” Geht es schon am Bahnhof los. Mittlerweile sind wir es ja gewöhnt, dass einheimische indische Touristen den Anblick von weißer Haut und blonden Locken nicht kennen, und ihn wohl als Selfie-würdig einstufen. Aber nach unserer stressigen Anreise nach Hampi, die uns 1 1/2 Tage zu viel Zeit und vor allem einen einigermaßen intakten Schlafrhythmus geklaut hatte liegen unsere Nerven schon seit Stunden auf dem nicht nur sprichwörtlichen Flach-Gleis. Ja, wirklich, so flach waren sie, dass selbst solcherlei tieffliegende Witze angebracht sind!

Wir hatten größere Probleme unseren Nachtbus zu nutzen, hatten stundenlang in tiefster Nacht an einer Autobahn gewartet, nur um dann um 4 Uhr Nachts letztlich aufzugeben. Am nächsten Morgen buchten wir dann die umständliche Zug-Anreise nicht ohne kurz darauf festzustellen, dass der Nachtbus am nächsten Abend gekommen wäre. Noch in der Nacht fanden wir auch, dass das “Hohelied des Reisenden” uns schon von Anfang an vor der Ganesh Travel Agency gewarnt hätte. Aber während so einer Reise hat man leider nicht immer Zeit, sich mit der einschlägigen Lyrik abzugeben.

“Just one more, ok?” Bittet der Familienvater, als er seinen Sohn ohne dessen klare Einwilligung, nein eigentlich trotz dessen unmissverständliche Gegenwehr zwischen die beiden fremden, übermüdeten Touristen klemmt. Es ist ja nicht so, als hätten wir einen strammen Zeitplan. Der ist sowieso schon dahin, genau wie unsere müden Lächeln nach dem zehnten Foto in nur marginal angepasster Familien-Konstellation. “Ok, we have to go” stammle ich, den zu kreativen Höchstleistungen angestachelten Vater bei seinen neu entdeckten Regisseur-Tätigkeiten kurzerhand unterbrechend.

“Thank you” sieht er letztlich ein und verabschiedet sich. “Thank you!” antworte ich automatisch, wie immer erst zu spät merkend, dass es eigentlich nicht an mir ist, mich zu bedanken. Wirklich gewinnbringend war das Foto-Shooting nun auch wieder nicht. “Aber was sollte man auch sonst mit so einem Tag anfangen”, bringen meine Gehirnzellen mich mit letzter Kraft noch zum Nachdenken. Hastig packen Maren und ich unsere 3 Sachen und suchen nach dem Bahnhofs-Ausgang. Zu hoch ist die Gefahr von durch unsere Foto-Session inspirierten Nachahmungs-Tätern auf dem sich leerenden Gleis.

Nach einer für unsere derzeitigen Kraftreserven unglaublich engagierten Taxipreis-Verhandlung sitzen wir letztlich in einem klapprigem Tuk-Tuk (50 Cent günstiger als das Auto) und rattern, dem Verkehrsfluß gemächlich folgend, in Richtung Hampi Basar. Müde bestaunen wir die an beiden Seiten auftauchenden Tempelbauten und riesigen Steinquader. Schon während der Zugfahrt hätte uns die allmähliche Transformation der Natur hin zu einem futuristischen Billiardtisch voller verwahrlosender, gigantischer Kugeln auffallen können. Oder wie wir schon in dramatischerer Erzählung gehört haben: Die Tränen irgendeines, uns nicht mehr in den Sinn kommenden, hinduistischen Gottes verteilten sich in alle Himmelsrichtungen unter, zwischen oder auch auf den mittelalterlichen Tempelanlagen. Aber da waren wir wohl noch zu sehr mit dem zusammenpacken unserer Zugfahrt beschäftigt gewesen. Oder auch einfach zu müde.

Nach einer guten halben Stunde, der verhandelte Tuk-Tuk Preis ist mir mittlerweile mehr als peinlich, wird die “Straße” noch ein klein wenig schlechter und wir versuchen, mit größter Mühe, unsere Rucksäcke davon abzuhalten Hampi auf eigene Faust zu erkunden. Als uns das dann noch weitere 10 Minuten gelingt kommen wir letztlich beim Hampi-Basar an. Verschämt drücke ich dem Tuk-Tukkisten seinen Lohn inklusive einem großzügigen Trinkgeld in die Hand, seinem strafenden Blick bis zuletzt ausweichend, und schultere unseren mit der Reise doch allmählich wachsenden Rucksack. Vor uns stehen die Überreste einer indischen Kleinstadt. Nicht mehr als vielleicht 4 Straßenzüge, also über einen engen Pfad verbundene Häuser, macht sie aus. Das Dorf, dass das Zentrum eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Südindien zu sein scheint, ist heute nicht mehr als eine Gruppe halb bis völlig zerfallener Hütten.

Es hat seine ganz eigene Geschichte mitgebracht, eine, die den Göttern wirklich jeden Grund gegeben hätte, ein paar übermenschliche Tränen zu vergießen. Noch vor 15 Jahren war Hampi ein Dorf, dass sich über weite Teile der historischen Tempelanlagen in der näheren Umgebung erstreckte. Doch wo damals das pure Leben, die Freude eines Marktes gemischt mit ausländischen und inländischen Touristen und die Anmut antiker Religionsausübung herrschte stehen heute nur noch vereinzelte, traurige Imbiss-Wägen am Straßenrand. Die Stadt musste 2011, nachdem UNESCO die Region zum Weltkulturerbe ernannte, einer gnadenlosen Politik der Restaurierung weichen. In ein 15 Kilometer entferntes, neu errichtetes, Dorf wurden die meisten der damaligen Einwohner zwangsumgesiedelt. Und auch der Rest des Dorfes, so hören wir, soll früher oder später dem selben Schicksal anheim fallen. Es ist also nur zu verständlich, dass hier kein Restaurant- oder Hotelbesitzer noch bereit ist, viel in den Tourismus zu investieren. Zu hoch ist das Risiko einer willkürlichen Zerstörung durch die indische Regierung.

Und natürlich war es auch an der Zeit, diese wichtige historische Stätte archäologisch aufzuarbeiten und die Zerstörung der Tempel einzudämmen. Aber dennoch hätte so etwas auch mit mehr Fingerspitzengefühl passieren können. Vielleicht wäre es angenehmer gewesen, die Einwohner nicht erst mit einer Abrissglocke vor vollendete Tatsachen zu stellen, ihnen nicht nur ein nutzloses Stück Land in viel zu abgeschiedener Lage als Kompensation anzubieten. Doch wie wir so durch das Dorf wandern und unser Hotel suchen begegnen wir auch einer durch Krisen gestärkten, trotz Allem sehr offenen Dorfgemeinschaft.

Mehrfach sprechen uns Einheimische an, nicht um Selfies zu machen, sondern um uns kennenzulernen, uns ihre Arbeit und ihre Erfolge zu präsentieren. Wir lernen zum Beispiel einen besonders Stolzen Inder kennen, der sich schon in der 3. Generation auf das Herstellen von Räucherstäbchen spezialisiert hat. Er lädt uns zu sich ein, zeigt uns voller Stolz wie er die Brennmasse mischt und jedes einzelne Stäbchen per Hand rollt. Mit strahlenden Augen erzählt er von seinen zahllosen internationalen Großkunden die kiloweise Räucherstäbchen von ihm importieren. Zum Beweis führt er uns an eine Wand in seinem Shop die voll mit Zeitungsartikeln gepflastert ist. Berichte über die Qualität und die Zufriedenheit seiner Kunden liest er uns aus seinem Gästebuch vor und drückt uns, ohne Hintergedanken, noch ein paar Stäbchen in die Hand. Sein Motto war es schon immer, offen und freundlich zu sein, denn so kämen die wahren Kunden zu ihm zurück, oder brächten andere durch ihre Erzählungen dazu, bei ihm einzukaufen.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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