Auf einer Weltreise gibt es ein paar Orte an denen man wohl nur schwerlich nicht vorbeikommt. In Südamerika ist das vermutlich Machu Picchu, in Europa der Eiffelturm und in Asien sicher der Taj Mahal. Selbst die größten Weltenbummler der Geschichte hat es über den ein oder anderen Weg zumindest in diese Richtung gezogen. Christoph Kolumbus hatte Indien ja als sein eigentliches Ziel auserkoren und von Marco Polo ist auszugehen, er hätte den Taj besucht wenn es zu seiner denn schon gestanden hätte. Pech für den alten Marco, Glück für uns, der Taj steht noch immer und wartet jährlich auf fünf mal so viele Besucher wie es Einwohner in Luxemburg gibt. (Ich habe auf die Schnelle kein passenderes Land gefunden, alle haben irgendwie zu viele Einwohner). Kurz bevor wir in Agra ankamen waren unsere Gefühle also relativ gemischt. “Wie schön kann es schon sein” und “Ist es das wirklich wert?” waren Fragen, die uns durch den Kopf gingen. Wir fürchteten die Touristenmengen, die sicher noch aggressiveren Touristen-Shops und die immer stärker werdende Sonne als wir am frühen Morgen gehetzt unsere sieben Sachen zusammenpackten und aus dem Nachtzug sprangen. (Wieso können die indischen Nachtzüge nicht auch mal so unzuverlässig sein wie ihre deutschen Verwandten).
An diesem ersten Tag besuchten wir natürlich NICHT den Taj Mahal, denn so blöd sind wir dann auch nicht, noch nach 9 Uhr auf so ein Highlight zu gehen und vermutlich mit allen Touri-Bussen gleichzeitig zum Taj zu rennen. Also entschieden wir uns, das berühmte “Rote Fort” zu besuchen. Die Bezeichnung Rotes Fort ist zwar ziemlich unaussagekräftig, denn immerhin sind eigentlich alle Forts die wir in Indien besucht haben mit rotem Sandstein gebaut worden, doch die Burg selbst war eigentlich ein schöneres Exemplar der Stein auf Stein gebauten Machtprotzerei. Zwischen gigantischen Türmen und wundervoll islamisch verzierten Eingangsflügeln hindurch ging es zur Abwechslung mal nicht 100 Meter in die Höhe sondern einfach nur hinein in einen Burghof, der ziemlich verschachtelt und verziert und außergewöhnlich unbesucht war. Hier und da gab es ein paar Reisegruppen voller Luxemburger die durch die Gänge streiften und ab und zu gab es eine Indische Familie die mit uns Selfies schoss. Das Highlight der Burg war ihr marmorner Palastbereich. Überaus kunstvoll schmiegte sich eine Reihe kleinerer Gebäude an die Außenwand der Burg und formte mehrere wundervolle, perfekt ausgerichtete Ruheräume. Die islamische Kunst Indiens demonstrierte hier mal wieder beeindruckend, wie plump europäische Burgen zu ähnlichen Zeiten erbaut wurden. Herrlich symmetrische Raumaufteilungen, bis ins kleinste Detail liebevoll ausformulierte Intarsienarbeiten und vieles Weiteres. Man kann sich so richtig vorstellen, wie entspannend es hier sein musste, bei einem Glas alkoholfreiem Wein an seinem Zierbecken zu sitzen und sich den Wind zufächern zu lassen während man ein paar hundert Meter weiter die schweißtreibenden Bauarbeiten zum Taj Mahal beobachten konnte.
Nachdem wir in den nächsten beiden Tagen erfolglos versucht hatten noch vor dem Sonnenaufgang aufzustehen um zum Taj zu gehen hatten wir jede Menge Zeit, die anderen Highlights Agras kennenzulernen. Und, oh unglaublicher Ganesh, was waren das für fantastische Dinge die wir zu Gesicht bekamen. Denn auch wenn Agra hauptsächlich für den Taj Mahal bekannt ist stehen hier noch so einige andere Kaliber ruinenverliebter Reisender herum, die es zu erobern gilt. Vor allen anderen steht hier der sogenannte “Mini-Taj”. Ein Grabmal das noch vor dem Taj Mahal erbaut wurde und wohl noch viel mehr als Hymne an die Liebe und das ewige Leben zu sehen ist. Der Mini-Taj ist, genau wie sein größerer Bruder, eine komplett symmetrisches Gebäude das in eine zauberhaft friedvolle Gartenanlage hineingebaut ist. Er hat alles was sein großer Bruder auch hat, Türme, Tore, Intarsien, Marmor usw., aber, wie wir fanden, in viel liebevollerer Ausführung. Sobald wir die Anlage betreten hatten, die nebenbei gesagt wesentlich weniger beliebt ist als der Taj, wurden wir ruhiger und entspannter. Alles an diesem Ort sorgte dafür, dass sich die Besucher bedächtig und ruhig an die Toten erinnern konnten, ohne dass es aufdringlich oder kitschig wirkte. Ich habe diesmal wirklich nicht den richtigen Wortschatz um adäquat zu beschreiben, wie perfekt die einzelnen Proportionen und Maße dem Auge des Betrachters schmeichelten. Allein von Außen war der Mini-Taj ein perfektes Gebäude. Als wir dann näher an den Hauptbau herantraten kamen wir noch viel weniger aus dem Staunen heraus. Über die Ganze Innen- und Außenfassade erstreckten sich tausende zierliche Mosaike in unbeschreiblicher Kleinstarbeit jahrelang zusammengetragen. Da waren hunderte faszinierende Blumendarstellungen, beruhigende Himmelszelte und Muster und Linien so weit das Auge nur reichte. Man merkte sofort, dass dieses Kunstwerk von jemandem erstellt wurde, der alles bis ins kleinste Detail geplant und ausgeführt hatte, der sein ganzes meisterhaftes Können darin gesetzt hatte, den Verstorbenen (oder vielleicht eher zu Sterbenden) ein Liebeslied zu erschaffen. (Tut mir Leid für diesen Kitsch, aber so ganz ohne geht’s bei diesem Thema einfach nicht)












