The unTAJable Mahal

Indien ·   ·  7 min zu lesen

Auf einer Weltreise gibt es ein paar Orte an denen man wohl nur schwerlich nicht vorbeikommt. In Südamerika ist das vermutlich Machu Picchu, in Europa der Eiffelturm und in Asien sicher der Taj Mahal. Selbst die größten Weltenbummler der Geschichte hat es über den ein oder anderen Weg zumindest in diese Richtung gezogen. Christoph Kolumbus hatte Indien ja als sein eigentliches Ziel auserkoren und von Marco Polo ist auszugehen, er hätte den Taj besucht wenn es zu seiner denn schon gestanden hätte. Pech für den alten Marco, Glück für uns, der Taj steht noch immer und wartet jährlich auf fünf mal so viele Besucher wie es Einwohner in Luxemburg gibt. (Ich habe auf die Schnelle kein passenderes Land gefunden, alle haben irgendwie zu viele Einwohner). Kurz bevor wir in Agra ankamen waren unsere Gefühle also relativ gemischt. “Wie schön kann es schon sein” und “Ist es das wirklich wert?” waren Fragen, die uns durch den Kopf gingen. Wir fürchteten die Touristenmengen, die sicher noch aggressiveren Touristen-Shops und die immer stärker werdende Sonne als wir am frühen Morgen gehetzt unsere sieben Sachen zusammenpackten und aus dem Nachtzug sprangen. (Wieso können die indischen Nachtzüge nicht auch mal so unzuverlässig sein wie ihre deutschen Verwandten).

An diesem ersten Tag besuchten wir natürlich NICHT den Taj Mahal, denn so blöd sind wir dann auch nicht, noch nach 9 Uhr auf so ein Highlight zu gehen und vermutlich mit allen Touri-Bussen gleichzeitig zum Taj zu rennen. Also entschieden wir uns, das berühmte “Rote Fort” zu besuchen. Die Bezeichnung Rotes Fort ist zwar ziemlich unaussagekräftig, denn immerhin sind eigentlich alle Forts die wir in Indien besucht haben mit rotem Sandstein gebaut worden, doch die Burg selbst war eigentlich ein schöneres Exemplar der Stein auf Stein gebauten Machtprotzerei. Zwischen gigantischen Türmen und wundervoll islamisch verzierten Eingangsflügeln hindurch ging es zur Abwechslung mal nicht 100 Meter in die Höhe sondern einfach nur hinein in einen Burghof, der ziemlich verschachtelt und verziert und außergewöhnlich unbesucht war. Hier und da gab es ein paar Reisegruppen voller Luxemburger die durch die Gänge streiften und ab und zu gab es eine Indische Familie die mit uns Selfies schoss. Das Highlight der Burg war ihr marmorner Palastbereich. Überaus kunstvoll schmiegte sich eine Reihe kleinerer Gebäude an die Außenwand der Burg und formte mehrere wundervolle, perfekt ausgerichtete Ruheräume. Die islamische Kunst Indiens demonstrierte hier mal wieder beeindruckend, wie plump europäische Burgen zu ähnlichen Zeiten erbaut wurden. Herrlich symmetrische Raumaufteilungen, bis ins kleinste Detail liebevoll ausformulierte Intarsienarbeiten und vieles Weiteres. Man kann sich so richtig vorstellen, wie entspannend es hier sein musste, bei einem Glas alkoholfreiem Wein an seinem Zierbecken zu sitzen und sich den Wind zufächern zu lassen während man ein paar hundert Meter weiter die schweißtreibenden Bauarbeiten zum Taj Mahal beobachten konnte.

Nachdem wir in den nächsten beiden Tagen erfolglos versucht hatten noch vor dem Sonnenaufgang aufzustehen um zum Taj zu gehen hatten wir jede Menge Zeit, die anderen Highlights Agras kennenzulernen. Und, oh unglaublicher Ganesh, was waren das für fantastische Dinge die wir zu Gesicht bekamen. Denn auch wenn Agra hauptsächlich für den Taj Mahal bekannt ist stehen hier noch so einige andere Kaliber ruinenverliebter Reisender herum, die es zu erobern gilt. Vor allen anderen steht hier der sogenannte “Mini-Taj”. Ein Grabmal das noch vor dem Taj Mahal erbaut wurde und wohl noch viel mehr als Hymne an die Liebe und das ewige Leben zu sehen ist. Der Mini-Taj ist, genau wie sein größerer Bruder, eine komplett symmetrisches Gebäude das in eine zauberhaft friedvolle Gartenanlage hineingebaut ist. Er hat alles was sein großer Bruder auch hat, Türme, Tore, Intarsien, Marmor usw., aber, wie wir fanden, in viel liebevollerer Ausführung. Sobald wir die Anlage betreten hatten, die nebenbei gesagt wesentlich weniger beliebt ist als der Taj, wurden wir ruhiger und entspannter. Alles an diesem Ort sorgte dafür, dass sich die Besucher bedächtig und ruhig an die Toten erinnern konnten, ohne dass es aufdringlich oder kitschig wirkte. Ich habe diesmal wirklich nicht den richtigen Wortschatz um adäquat zu beschreiben, wie perfekt die einzelnen Proportionen und Maße dem Auge des Betrachters schmeichelten. Allein von Außen war der Mini-Taj ein perfektes Gebäude. Als wir dann näher an den Hauptbau herantraten kamen wir noch viel weniger aus dem Staunen heraus. Über die Ganze Innen- und Außenfassade erstreckten sich tausende zierliche Mosaike in unbeschreiblicher Kleinstarbeit jahrelang zusammengetragen. Da waren hunderte faszinierende Blumendarstellungen, beruhigende Himmelszelte und Muster und Linien so weit das Auge nur reichte. Man merkte sofort, dass dieses Kunstwerk von jemandem erstellt wurde, der alles bis ins kleinste Detail geplant und ausgeführt hatte, der sein ganzes meisterhaftes Können darin gesetzt hatte, den Verstorbenen (oder vielleicht eher zu Sterbenden) ein Liebeslied zu erschaffen. (Tut mir Leid für diesen Kitsch, aber so ganz ohne geht’s bei diesem Thema einfach nicht)

Auch die anderen Gebäude in und um Agra herum waren jede Sekunde wert, die wir ihnen spendeten. Immer wieder wurden wir von der Vielfalt und Kunstfertigkeit der Islamischen Mogul-Regentschaft überrascht. Doch letztendlich führte nichts an unserem Besuch am Taj vorbei. Beim ersten Licht des dritten Tages erwartete der Taj Mahal unser Kommen. Wir preschten überraschend schnell durch den Eingang, immer später den Ticketcounter erwartend. Selbst als wir den Taj schon vor uns hatten schauten wir uns noch nach der Kasse um, wo galt es denn hier unser Geld auszugeben? Letztlich erfuhren wir, dass unsere verschlafenen Morgen erfolgloser Aufsteh-Routine ihren eigenen Sinn hatten. Durch einen Wink des Schicksals hatte der dritte Tag uns sogar freien Eintritt zu jedem Palast gewährt, es war zufälligerweise der Internationale Feiertag des Weltkulturerbes. Da stand er nun, der Palast den zu Besuchen unser langes Begehren gewesen war. Umzingelt von einigen luxemburgischen Handyfackelträgern wartete er und seine in ihm ruhenden Insassen auf uns. Wir schlängelten uns vorbei an den beliebtesten Fotospots, schossen natürlich auch den ein oder anderen Schnappschuss dieses zauberhaften Gebäudes und versuchten unsere Müdigkeit in Staunen zu verwandeln. Zu bestaunen gab es natürlich auch einiges, immerhin standen wir da vor “dem schönsten Gebäude der Welt”, glaubt man den enstprechenden Terra-X Dokus. Sicher, es ist schon ein einprägsames Gebäude, dieser Taj. Vier Türme, schöne Kuppe, nette Verzierungen und ein ganz ansprechender Garten drum herum. Besonders viel falsch hat man dabei wohl nicht gemacht und ein richtiges “Aber” fällt mir beim Textschreiben gerade gar nicht ein, das wäre diesem marmornen Denkmal irgendwie nicht würdig. Doch so völlig vom Hocker gerissen hat es mich ehrlich gesagt auch nicht. Der Taj ist ziemlich groß und ziemlich schön von weiter Weg, das ist unbestreitbar. Doch bei näherem Blick fehlten ihm, wie wir fanden, die vielen liebevollen Details und Verzierungen die zum Beispiel der Mini-Taj hat. Während der kleine Bruder einen beruhigenden, andächtigen Eindruck versprühte war der große eher eine Erinnerung an die Größe des Erbauers, an den Wunsch der Perfektion in Macht und Repräsentation. Alles in allem perfekt ausgearbeitet, aber möglicherweise nicht direkt nach unserem Geschmack?

Agra ist und bleibt ein Highlight einer jeden Weltreise. Agra ist natürlich auch touristisch, voll und laut, aber Agra ist auch noch viel mehr als das! Wer nur hierher kommt um dem Taj Tribut zu zollen kommt sicher auch auf seine Kosten, der Taj ist ja doch ziemlich bombastisch. Doch er verspielt auch die Chance, gleichzeitig ein so viel facettenreicheres Mogulreich kennenzulernen als der gigantische Bau des Taj Mahals verheißen lässt. In Agra lassen sich Bauwerke entdecken, die die ganze Bandbreite der Emotionen um Trauer und Liebe in Stein gemeißelt haben. Wir kamen um den Taj Mahal zu sehen, doch am Ende haben wir viel mehr als das entdeckt, manches davon hat uns sogar mehr beeindruckt als die vier Türme des Tajs, und Manches wird uns noch eine eine Weile in unserem Leben begleiten. Oder zmindest Jene die sich um unser Grabmal zu kümmern haben, denn wie dieses auszusehen hat haben wir jetzt eindrücklich gelernt.

* Achtung dieser Artikel könnte gewaltverherrlichende Der Herr der Ringe-Zitate enthalten die nicht das Weltbild des Autors wiederspiegeln. Wenn sie dir aufgefallen sind klassifizierst du dich eindeutig im nerdlicheren Spektrum Deutschlands.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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