Raj ist schon ganz aufgeregt. Heute ist der Tag, auf den er schon einige Monate hingefiebert hat. Mühsam hat er das Geld zusammegehalten, hat sich nie einen Lassi zum Abendessen gegönnt und selbst Shiva hat nur ab und zu eine kleine Spende von ihm bekommen. Denn heute soll es sein, heute wird er seinen Führerschein beginnen… und abschließen, so Shiva ihm noch gesonnen bleibt. Also hat er sein schickstes Hemd herausgekramt, seine Frau hat es natürlich nochmal für ihn gebügelt, und seine Haarpracht stolz nach hinten aufgekämmt. Alles ist bereit, er hat gut geschlafen, das Morgenyoga und die schnelle Meditation liefen auch gut, er hat sogar ein Chapati zu viel vom Straßenkoch bekommen. Ein gutes Omen. Ein voller Bauch. Ein breites Lächeln. Los gehts!

“Guten Morgen” begrüßt ihn sein Fahrlehrer kurz angebunden. “Bist du bereit?”. Na klar ist er bereit, denkt Raj und geht im Kopf nochmal die wichtigsten Tipps durch die sein großer Bruder ihm gestern erst verraten hat. Wichtigste Regel: Es gibt keine Regel die nicht gebrochen werden darf. Klar. Linksverkehr und der größere hat immer Recht sind auch wichtige Konzepte, aber wer weiß, manchmal ist seine kleine Honda sicher auch schneller, wendiger und einfach fetziger im Verkehr, da muss so ein großer Brummer halt ab und an zurückstecken können. Dann war da noch so ein seltsamer Tipp mit Links vor Rechts. Oder war es Rechts vor Links? Naja, das wird schon alles gut gehen. Shiva ist heute mit mir! “Schwimm einfach immer im Strom, fühl dich wie eine Saigonelle und es wird nichts passieren, so mach ich das auch immer. Wenn eine Ampel rot ist, hat das nichts zu bedeuten. Rot ist ja auch eine Farbe für Action, für Power, nicht wahr?” hatte sein zweiter Bruder ihm noch im Vorbeigehen mitgegeben und das leuchtete Raj ein. Er hatte sich eine kleine Eselsbrücke zusammengebaut um das auch nicht zu vergessen: “Grün geht gut, Gelb genauso, Bei Rot kannste auch rasen”.

“Ich bin bereit! Sowas von bereit!” ruft Raj ihm aus voller Brust selbstbewusst entgegen. Etwas irritiert durch die laute Antwort des 1 Meter vor ihm stehenden Lehrlings schreckt der Lehrer kurz zurück. “Okay, da ist jemand ja richtig gut drauf heute. Na dann zeig mal was du so auf die Straße bringen kannst.” Gekonnt sitzt Raj auf seine geliebte Honda und düst auch schon los. Und von da an läuft es für Raj auch wunderbar. Heute ist besonders dichter Verkehr, jede noch so kleine Lücke wird genutzt um sich ein paar kleine Zentimeter an den anderen entlang zu schlängeln. Hier links, hier einen Laster geschnitten und da direkt einen anderen Motorradfahrer zur Vollbremsung gezwungen. Kurz gesagt: Es läuft super. Einmal schafft er es sogar, seinen Fahrlehrer kurz abzuhängen da dieser sich nicht getraut hatte, unter den 4 Meter langen Stahlrohren durchzuducken. Aber nach ein paar Minuten haben sich die beiden wieder gefunden und es geht weiter im dichten Stadtverkehr. Bei einer anderen Situation wäre er fast in eine Kuh gefahren die sich, wie es natürlich ihr gutes Recht ist oh heilige Milchbringerin, quer über die Straße gelegt hat um ein paar ruhige Minuten mitten im Stadtlärm zu verbringen. Wie er es gelernt hat steigt Raj kurz ab, tätschelt respektvoll den Hals des schönen Tieres und steigt dann wieder auf seine Honda, die heute wirklich in Topform ist.

Am Ende der Stunde ist Raj sich siegessicher. Es lief alles so reibungslos, an keiner einzigen Ampel hatte er gewartet, keinen Fußgänger berücksichtigt und noch nicht einmal eine Vollbremsung musste er selbst hinlegen. Gleich mehrere Kilometer waren die beiden heute durch die Stadt gedüst und es lief wirklich perfekt. Erwartungsvoll blickt Raj zu seinem Prüfer. Dieser wirkt allerdings weit weniger begeistert als Raj es erwartet. Etwas verunsichert fragt Raj ihn “Na, das lief ja wie geschmiert, oder?”. “Wie geschmiert???” ruft der Lehrer entsetzt. “Ist das dein Ernst?”. “Naja, ist doch nichts passiert oder? Ich habe niemanden gerammt, niemanden verletzt und wir sind super von Parvati nach Ganesh gekommen.” “Das stimmt. Wir sind gut durch die Stadt gekommen. Aber du musst dich doch dem Verkehr anpassen, du bist wie ein Profi als Fisch gefahren, bist gut in die Lücken gekommen und das eine Mal mit den Stahlrohren, das war echt super. Echt gut! Aber für den Führerschein muss ich dir ja auch einen sicheren Fahrstil bescheinigen, und das kann ich beim besten willen so nicht machen. Das einzige, was einen wirklich sicheren Fahrstil ausmacht ist deine Lautstärke. Du hast ja kein einziges mal gehupt! Nicht einen Mucks habe ich von dir gehört, noch nicht mal als niemand sonst auf der Straße war. Du musst Hupen, Hupen, Hupen verdammt noch mal. Wenn du jemanden 100 Meter vor dir siehst, dann Hupe! Wenn du jemanden überholst, dann Hupe! Wenn du jemanden am Straßenrand abbiegen siehst und es gefällt dir nicht, dann HUPE! Und vor allem wenn du keinen Grund hast zu hupen, dann?” Fragend blickt der Lehrer zu Raj. “Dann Hupe ich?” antwortet Raj eingeschüchtert. “Dann HUPST du!” schreit ihn der Fahrlehrer genervt an. “Wo hast du denn Fahren gelernt Junge? Die Hupe ist das wichtigste Teil an deinem Bike, die Hupe ist alles, was du hier in Indien brauchst. Die Hupe ist das Tröten Ganeshas, also lass es jeden hören, so laut du nur kannst.“