Nach unseren trubeligen Tagen in Kolkatta und Varanasi waren unsere Köpfe schon kurz vorm Zerplatzen. Wir waren völlig überwältigt von den vielen, intensiven Eindrücken, Farben, Menschen, Lauten, Gerüchen und Erlebnissen. Wir sehnten uns zurück in die Tiefe des Meeres, an die gemütlichen Strände Thailands und selbst unsere Mägen waren mit dem mal wieder leckeren Essen Indiens so manches Mal etwas überfordert. Also legten wir uns so bald es ging in den nächsten Nachtzug in Richtung Westen. Und während wir uns über die Abendstunden in den Schlaf ratterten sehnten sich unsere Seelen nach Ruhe und Frieden. Was sich da draußen hinter den Gittern des DOON Express unseren müden Augen in der Dunkelheit entzog sollte genau das werden, was unsere gemarterten Herzen sich so sehnlichst erhofften. Wir steuerten das kleine Provinznest Khajuraho an, mitten in Nordindien, weit weg von jeder größeren Stadt, weit entfernt von allem was uns gerade die Herzen schwer machte.
Khajuraho ist ein Dorf wie es im Buche steht. Hier sind Traktoren und Erntemaschinen fast öfter auf den Straßen unterwegs als Tuk-Tuks oder Autos. Es leben vermutlich mehr Büffel, Kühe und Ziegen hier als Inder. Aber auch wenn der bewohnte Teil des Dorfes heutzutage nicht viel mehr ist als eine Ansammlung ziemlich kleiner Häuser inmitten einer malerischen Weizenfeld-Landschaft, trügt der Schein doch um so mehr wenn es um das geht, weshalb wir überhaupt erst hierher gekommen sind. Denn in diesem Idyll landschaftlichen Lebens steppte einst der Tanzbär mit einer Fülle erotischer Kamasutra-Kunst vor seiner Tatze. Hier gibt es eine Reihe Tempel aus dem 10. und 11. Jahrhundert die mit die schönsten und explizitesten Kamasutra-Darstellungen des ganzen Landes präsentieren. Auf diesen wundervollen Kunstwerken, viele davon sind auch umsonst zu besichtigen, gibt es Sexpositionen zu sehen, die nicht nur in ihrer Steinmetzkunst sondern auch in ihren besonderen Motiven einzigartig sind. Wir haben in den Tempeln eigentlich jede noch so kreative Sexposition gefunden, ob kopfüber, zu dritt viert oder fünft, mit einem Pferd oder einfach nur völlig ineinander verknotet. Ganz besonders spannend wenn man berücksichtigt, dass Kunstwerke aus dem europäischen Raum zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht einmal einen zu lasziven Blick zwischen den Geschlechtern zugelassen hätten.
Die über das Dorf verteilten Tempel zogen uns gleich an mehreren Tagen in ihren Bann, so hatten sie neben ihrer langen Geschichte auch einfach einen kühlen Schattenplatz anzubieten um der immer stärker werdenden Sonne auch mal zu entkommen. Die einzige “Gefahr” die diese ruheversprechenden Unterschlüpfe hatten, waren die inländischen Touristen die, sich zwar so manches Mal wegen ihrem gebrochenem Englisch noch zierend, ein Selfie oder eher eine Flut an Selfies von den verschwitzten Tempel-Touris erhofften. Sobald sich ein Inder dazu durchgerungen hatte, mehr oder weniger freundlich nach einem Foto zu fragen entstand innerhalb weniger Sekunden eine lange Schlange von Touristen um mit uns Selfies zu schießen. Da ist es dann auch schnell vorbei mit der schattigen Ruhe und wir lächelten geduldig in die Handys bis unser Schattenbedürfnis gesättigt wurde. Dann ging es weiter für ein paar Minuten in der Sonne bis zum nächsten Selfie-Point.
Neben den lustvollen Tempeln ist Khajuraho aber auch sonst ein gemütliches Dörfchen. Nach ein, zwei Tagen kennt hier jeder jeden, man wird lautstark von anderen gegrüßt und ohne mindestens 3 Einladungen zum gemeinsamen Chai-Trinken kommt man hier nicht von einem Ort zum nächsten. Und wie in Dörfern überall gibt es hier eine lebhafte Lästereien-Orgie. So erfahren wir schon beim ersten Chai dass dieser oder jener zu viele Drogen nimmt, das Geld von Spenden für sich selbst beansprucht werden oder generell jemand eine “Bad Person” ist. Wann immer wir dann mit den betroffenen Personen ins Gespräch kommen stellt sich das meiste aber auch schnell als unnötiger Gossip heraus. Dass der ein oder andere Farmer hier durchaus sein selbst angebautes Cannabis in einem handgefertigten, wiederverwendbaren Ton-Joint raucht kommt aber auch nicht nur ein oder zwei mal vor. Besonders beeindruckend fanden wir auch, dass hier im ländlichen Indien sehr viel recycled und upgecylced wird, so werden zum Beispiel Kuhfladen jeden Tag gepresst und getrocknet um sie dann später für das Kochen über der Feuerstelle zu verwenden. Alles in allem ist das Dorfleben aber genau das, was wir in Varanasi vermisst haben. Hier können wir einfach mal nur die Seele baumeln lassen, uns Zeit für uns selbst nehmen und ein ruhigeres, freundlicheres Indien auf uns wirken lassen. Ganz schön gemütlich.








