Pueblas Magicos

Mexiko ·   ·  6 min zu lesen

Die sogenannten Pueblos Magicos [magische Dörfer] sind von der mexikanischen Regierung ausgewählte Dörfer und Städte, die auf die ein oder andere Weise einen kulturellen (a.k.a. touristischen) Mehrwert bringen sollen. Um dem gerecht zu werden wurden vor einigen Jahren Mittel bereitgestellt ebenjene Orte zu touristischen Zentren aufzubauen. Mal sind das größere, für ihre indigene Bevölkerung bekannte, Städte in den Bergen, mal kleine Käffer ohne erkennbare touristische Infrastruktur die glücklicherweise in der Nähe einer als schützenswert gekennzeichneten Ruine sind, mal wirklich süße Orte mit viel Liebe und der ein oder anderen netten Ecke. Bereist man Mexiko kommt man zweifelsfrei an einem magischen Dorf vorbei, und jedes hat seinen eigenen Charme, seine eigene Geschichte. Neben den offensichtlichen magischen Kandidaten wie Palenque oder Tulum gibt es aber auch ein paar wenige Orte, die auf besondere Art aus der Masse der über 100 magischen Dörfchen hervorstechen. Hiervon sollen nun zwei im Folgenden Texte in kulturell-historischer Weise beschrieben und bewundert werden.

Mazunte Magico

Gelegen am äußerten Rand des Pazifiks (an einer der Küsten) liegt das kleine, wundersame Mazunte. Es besteht aus ein paar Reihen Hütten, ein paar einsamen Stränden und einer Hauptstraße. Bewohnt wird Mazunte heutzutage von einer Mischung aus ausländischen Touristen, Yoga-Gurus, Drogen-Dealern und ausländischen Shop-Besitzern. Was jetzt vielleicht im ersten Moment ein wenig abschreckend klingen mag ist jedoch schon mit dem zweiten Blick negiert. Denn dieser Ort, so gentrifiziert er auch scheint, versprüht doch einen Charme wie kein zweites Pueblo Magico. Doch die Magie Mazuntes lässt sich erst mit ihrer einzigartigen Geschichte verstehen. Hierfür wird aus der heiligen Schrift zitiert:

“Eines Tages kamen SIE [Die Hauptcharaktere der heiligen Schrift] zum Aufgang des güldenen Sonnenrunds herab an des wildgewässerten Meeresrands. SIE stiegen etliche Stufen hinauf, keuchten ob der frühmorgendlichen Marter, und erreichten zuletzt den klippenumwobenen Punkt der weiten Sicht und ihnen gelang es, einen weiteren Aufstieg der Sonnenscheibe zu besehen. Doch schon nach wenigen Momenten kamen die Pharisäer zu ihnen und klagten: Meister. Diese Frau [sie deuteten mit einer krummen Fingerkuppe auf eine gen Osten befindliche, rasterlockige Dame] ist auf frischer Tat erwischt worden. Sie räkelte sich auf dem einzigen FKK-Strand Mexikos genüsslich in der glühenden Sonne. Mose hat uns solcherlei Schandtat doch klar verboten. Was sagst du? Da rückten SIE etwas näher an die Bittsteller heran und fragten mit intensiver Stimme: ‘Wer unter euch ohne Sandkorn ist, der werfe den ersten Stein! Denn wozu wenn nicht zum nackten Flanieren am offenen Strand seihet ihr nach Mazunte her gereist?’. Als die Pharisäer das hörten gingen sie einer nach dem anderen zur Whale Watching Tour, denn ohne Sandkorn zu sein, das schien ihnen wahrlich unmöglich zu sein an jenem so sandigem Orte der Küste. Dort hatten sie die besondere Erfahrung einer großen Delfinschule in ihrem alltäglichen Spiele beizuwohnen was sie dazu bewog, diesen Ort Mazunte zu nennen, nach dem Korallenriff ‘Ma-Zunt’ ”

Und so wart es geschrieben in der heiligsten aller Schriften, nur so kann die Berühmtheit Mazuntes ihren Ursprung gefunden haben. Naja, vielleicht auch in der wundersam entspannenden Natur, den interessiert vorbeischauenden Nasenbären oder dem ein oder anderen Yoga-Workshop dem Mazunte seinen heutigen Ruf nicht zu unrecht verdankt. Auch wenn es in Mazunte auf den ersten Blick nicht viel zu tun gibt ist es vielleicht gerade das, was es für den heutigen Besucher so attraktiv macht. Hier gibt es Workshops für nahezu jede Art der Selbstbeschäftigung. Mal kannst du dir Tarot Karten lesen lassen, mal einen “Ecstatic Dance” / Tantra Workshop machen oder woanders einfach nur in Ruhe dein Gras in die Luft pusten. Mazunte lässt einen ausatmen, entschleunigen und mit dem besten marokkanischen Essen Mexikos auch beruhigt einschlafen. Käme ein wahrer Zauberer nach Mazunte, gäbe es für ihn nur einen Zauberspruch zu erlernen: “Avada Tranquilidava”.

San Jose del Pacifico

Nur wenige aber dafür einprägsame Autostunden bergaufwärts von Mazunte liegt das magische San Jose del Pacifico. Auf über 2500 Metern Höhe lässt sich hier nicht nur ein Zeh abfrieren sondern auch die ein oder andere Wanderung in die bewaldeten Höhen Mexikos veranstalten. Doch um ehrlich zu bleiben kommen in dieses verschlafene Dorf nur die wenigsten Gäste aufgrund der mannigfaltigen Wandermöglichkeiten. Wer nach San Jose kommt, kommt wegen seinem Riecher. Auch hierzu gibt es eine passende Textstelle aus einem heiligen Buch, dieses Mal allerdings aus einem etwas anderen Werk. Denn in San Jose lassen sich die bislang unentdeckten Ursprünge des heute so bekannten Mexikanischen Röchelitos herauslesen. Wir zitieren aus dem Codices Schlenkensis:

“Es zwar zu jener Zeit als sich Sieben Großnase [genauere Namen sind aufgrund der nicht völlig entschlüsselten Hieroglyphen nicht endgültig geklärt] auf den Weg machte, ihrem Volke eine besondere Kost zu finden. Sie pilgerte hoch hinauf in luftige Höhen und fror alsbald bitterlich, denn sie hatte nicht mit dem schrecklichen Temperaturabfall in dieser, so kurzen Zeit, gerechnet. Doch für jenes edle Ansinnen war ihr, der sie ja weithin als mutige Röchelnase bekannt wart, keine Nebelwolke zu düster, kein Jaguar zu finster und kein schlammiger Trampelpfad zu schlammig. Allein der Wille Quetzalcoschnüffls trieb sie immer weiter hinauf in des Gebirges abgelegensten Winkels. Oben angekommen ward sie nun mit derlei sonderlicher Bevölkerung konfrontiert, dass ihr gleich viel wärmer ums schlagende Herz wurde. Vielleicht wurde ihr auch durch die besondere Temazcal-Zeremonie warm, denn so etwas hatte sie noch nie zuvor erlebet. Sie wurde von einem Einheimischen, jungen Mann in eine enge Lehmhütte gebracht und dort unter eindrücklichem Gesang und dem von Wildkräutern angefachten, erhitzten Vulkansteinen bis in die seelische Sauberkeit verschwitzt. Immer wieder kamen neue Steine hinzu, neue Kräuteressenzen oder gar frischer Honig wurde auf ihre von der Wanderung so geplagte Haut aufgetragen. Im Anschluss zwang man sie in einen bitterkalten Wassertrog und sorgte so für ihre völlige geistige sowie körperliche Reinheit. So vorbereitet ließ man sie nun blindlings durch des Waldes tiefe Schatten wandeln doch da geschah etwas, dass auf ewig den Lauf der Zeit verändern sollte. Sieben Großnase nahm einen sonderbaren Geruch auf, einen, den sie zwar noch nie in der Schnüffelnase verspürt hatte, den sie jedoch schon im Traum von Quetzalcoschnüffl prophezeit bekommen hatte. Es war ein magischer Pilz, der dort vor ihr im Waldboden aus dem Moos hervortrat. Einen Pilz, den zu fressen Sieben Großnase sich keineswegs zu schade war. Da lag sie nun, im weichen Moos, und mit fortwährender Zeit trat ihr Verstand immer weiter zurück ins neblige Grün und eine größere, wildere und wesentlich buntere Version der Welt ließ sie wie im Siebten Himmel verweilen.”

An dieser Stelle endet leider das ansonsten sehr aufschlußreiche Kapitel der heiligen Schrift. Aus anderen Quellen kann erahnt werden, das Sieben Röchelnase von jeher eine vollständige Wesensänderung erfuhr. Sie blieb wohl noch ein paar Tage in San Jose und eines Tages würde sie als wohl wichtigste Vertreterin des “Sturm und Pilzdrangs” in die Geschichtsbücher eingehen, doch Genaueres ist heutzutage kaum noch zu reproduzieren. Die Entdeckung des Magic Mushrooms aber sollte noch für viele Jahrhunderte essenzieller Bestandteil des San Jose del Pacifico-Tourismus bleiben. An jeder Ecke gibt es heutzutage Pilze in mehr oder weniger intensiver Verschimmelung zu erstehen, regenbogenfarbene Häkelarbeiten hängen von fast jeder Haustür und es ist keine Seltenheit, im Wald zum einen oder anderen Moment einen wilden Lacher aus der Ferne zu vernehmen. Vielleicht ein Windhauch der das Echo des ersten Trips von Sieben Röchelnase mit sich trägt.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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