Lassis, Lärm und Leichen

Indien ·   ·  5 min zu lesen

Überall um uns herum laufen Menschen. Gerüche strömen auf uns herab, laute, drängende Huper schrecken uns aus unserer Tagträumerei und ein Motorrad rauscht durch die enge Gasse. Vorbei am Markt, am Lassi-Stand mit frischem Joghurt aus Einmal-Keramikbechern, unter lichtdurchfluteten Planen hindurch und immer wieder nach links und rechts zuckend, einem Tempel, einer Kuh, einem Hund oder einem Trauerzug ausweichend. Nach wenigen Sekunden ist der Fahrer auch schon wieder aus dem Sichtfeld, unsere Köpfe wieder damit beschäftigt die Masse an Eindrücken und Bildern zu verarbeiten. Ja, das ist Indien. Ja, wir sind in Indien. Ja, so stellt man sich Indien vor. Laut, intensiv, lecker, voll voller Ideen, Farben, Erfahrungen und Geräuschen.

Schon hupt der nächste Motorradrabauke hinter uns, will vorbei und versucht sein Glück in der kurz aufklaffenden Lücke zwischen Kuh und dem alten, bärtigen Mann mit Bettelbüchse. Geplättet von den Eindrücken und der Nachtzugfahrt aus Kalkutta stehen wir etwas verloren in dieser engen Gasse von Varanasi. DEM Varanasi, dem heiligen Ort des Hinduismus, dem Zentrum aller Indien-Dokus und dem Pilgerort für so viele Hindus aus der ganzen Welt. Varanasi ist eine der am längsten durchgängig bewohnten Städte der Welt, schon vor tausenden Jahren wurden hier vermutlich Leichname verbrannt, wurden Tempel errichtet und zweifelhafte Bäder in noch zweifelhafteren Hygienebedingungen im Ganges genommen. Menschen kommen hier her um zu sterben, denn wer hier stirbt hat wohl eine höhere Chance dem ewigen Kreislauf von Tod und Reinkarnation zu entkommen. Menschen kommen aber auch hier her um Indien zu erleben, um zu beten, um zu baden oder, wie in unserem Fall, um sich komplett von Indien überwältigen zu lassen. Schon nach wenigen Minuten glich unsere Tour durch die enge Altstadt Varanasis einem Traum. Ich bin mir im Nachhinein auch nicht mehr sicher was ich wirklich alles gesehen habe, so stark, so übertrieben und so schnell kam Varanasi auf mich zu. Meine Augen finden einfach keine Ruhe, streifen über die bettelnden Kinder, über die religiösen Rituale und unzähligen Tempelchen am Wegesrand, verweilen hungrig an einem Straßenstand in dem irgendetwas vegetarisches neben einem verlockend riechendem Curry serviert wird. Sie versuchen gleichzeitig die Überflut an Menschen zu verstehen, den Verkehr in Schach zu halten, Maren nicht zu verlieren, Straßenkunst zu begutachten und den Weg zum Ufer zu finden. Es ist einfach eine völlige Reizüberflutung die mich da trifft, haben wir uns mit Indien und Varanasi vielleicht doch ein bisschen zu viel vorgenommen? Wo ist der ruhige Strand Thailands hin? Was ist mit den friedlichen Tiefen des Meeres? Was mache ich hier, das ist einfach VIEL ZU LAUT!

Hinter meinem Rücken klingelt und ruft es. Zuerst leise und fern, was ist schon ein Ruf in dieser Kakophonie menschlicher Masse? Dann immer lauter, immer drängender, immer fordernder. Maren zieht mich an der Schulter vorbei und schafft es gerade noch zu verhindern dass eine Gruppe Menschen mit einem Leichnam, voll behängt mit Glitzer und Seide, mitten in mich hineinstolpert. Trauernde Inder ziehen durch die Gasse. Manche singen einen rhythmischen Text, manche werfen Blüten vor den Trauerzug, manche schauen mich irritiert an. Ich schaue noch viel irritierter zurück und folge der Idee Marens, sich einfach dieser Gruppe Menschen anzuschließen. Die werden schon wissen wo es zum Ufer geht, sagt sie, und wir versuchen hetzig mit dem Tempo der Trauernden Schritt zu halten. Das funktioniert auch ein paar Sekunden, aber nach ein paar Motorradfahrern, Kindern, Kühen und Rikschas verlieren wir immer mehr unseren Anschluss an die Gruppe. Gerade sehen wir noch den Zipfel der Bahre um die Ecke sausen als eine Kuh plötzlich entscheidet, direkt vor uns ihr heiliges Wasser lassen zu müssen. Wir springen aus dem Weg und warten geduldig, bis das Gottestier seine erstaunlich große Blase bis zum letzten Tropfen entleert. Schnell drängen wir uns nun an ihr vorbei und suchen verzweifelt nach dem Leichnam. Keine Chance. Aber ich glaube, sie sind links entlang, dann dort sicher rechts und vorbei an den Chai-Verkäufern weiter bergab bis zum Tempel.

Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit erreichen wir letztlich unser vorläufiges Ziel. Das heilige Ganges-Ufer, Ziel so vieler Pilger und Trauernder. Hier, bei den Tümpeln in denen vermeintlich Shiva mit noch irgendeinem Gott getanzt haben soll ist sie nun, die heiligste aller heiligen Verbrennungsstädten Indiens. Alle paar Minuten kommen neue Leichname aus dem Labyrinth der Straßen herangetragen, hier werden sie von Priestern empfangen und im Fluss gebadet, im Kreise der männlichen Verwandten und Freunde aufgebahrt und nach einer Verhandlung um die richtige Menge an Holz und Stroh letztlich verbrannt. Hinaufsteigen soll die Seele hier, und ich kann nur hoffen, dass sie dabei kein ähnlich verwirrendes Straßenwirrwarr bewältigen muss wie wir um hier her zu kommen. Wenn du, fleißiger Leser, jetzt denkst dieser Ort wäre ein ruhiger, ein besonnener und der Trauer offener dann hast du Indien wohl noch nicht so richtig verstanden. Zu unser Linken türmen sich Audioboxen meterhoch in den Himmel und geben eine Musik von sich, die sich kein Bollywood Film besser wünschen könnte. Die Gerüche des Ganges, die Marktschreie der Verkäufer und die brennenden Scheiterhaufen tun ihr bestes unsere sowieso schon überwältigten Köpfe vollends zu lähmen. An uns vorbei läuft eine Menschenmasse, die den westlichen Diversitätsbegriff ad absurdum führt. Da sind die selbsterwählten Hindu-Gurus, die reichen Bramahnen, die Priester und Touristen, die Kinder und Alten und jede Menge anderer Menschen bar jeder deutschen Schublade.

Nach unserem ersten Tag in Varanasi werfen wir uns nach einem zweiten Marathon durch die Straßen der Altstadt völlig geplättet in unser dreckiges Hostel-Bett. Sicher, das haben wir gewollt. Sicher, das hier ist Varanasi und das ist auch super spannend. Aber sicher ist auch, das wird intensiv und überwältigend. Wir sind gespannt und auch ein wenig ernüchtert, freuen uns gerade über die kurzzeitige Ruhe unseres Zimmers. Einen Moment später heult unsere veraltete Klimaanlage bis tief in die Nacht los und überdeckt so mit dem nächtlichen Hup-Konzert jeden entspannenden Gedanken. Ja, das ist Indien, will ich das?

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

Copyright 2024 by Herumschlenkerei