Der nullte Schultag
Am Montag früh waren wir also voll motiviert und mit unseren frisch erworbenen Englisch-Unterrichtsmaterialien auf dem Weg zur Schule. Wir hatten einen kleinen Teil unserer Hochzeits-Kirchen-Kollekte für Schulbücher und Sportgegenstände verwendet, da wir schon beim ersten Besuch gesehen hatten, dass die meisten Kinder noch nicht einmal eine Tasche geschweige denn Stifte besaßen und es in der Schule weder Bücher noch andere Materialien gab. Morgens ging es noch einmal kurz zum gemütlichen Chai-Trinken mit Kallu, seine Einladungen kamen von da an stündlich, und dann auf zur Schule. Dort angekommen packten wir unsere sieben Sachen aus und stolzierten direkt ins Klassenzimmer, die ersten englischen Begrüßungssätze schon auf unseren Lippen. Doch was sich zuerst als eine beeindruckend ruhige Schule präsentiert hatte entpuppte sich in Null Komma Nichts als eine beeindruckend leere Schule. Kein einziger Schüler, kein Lehrer, noch nicht einmal eine Kuh war zugegen, mal abgesehen von ein paar ratlosen, frisch gebackenen Englisch-Lehrkräften. Es stellte sich heraus, dass die Schule heute angesichts eines Feiertags geschlossen war. Ein bisschen irritiert ob der Einladung des Rektors und weit mehr irritiert ob der kiffenden Farmer in einer Ecke des benachbarten Gemeindezentrums packten wir also wieder unsere Schulsachen ein und düsten auf unserem Roller davon. Morgen ist wohl auch noch ein Tag, sagten wir uns, das ist eben auch ein Teil von Indien, ein G’schmäckle.
Der erste Schultag
Weit weniger überzeugt von der Sinnhaftigkeit unseres Volunteerings kamen wir dann am zweiten Tag beinahe pünktlich an die Schule. Wir trafen dort ungefähr fünf indische Kinder vor die uns direkt in flüssigstem Englisch nach “School Pens” fragten. Diese waren wir noch nicht bereit herauszurücken und so zeigten sie uns etwas enttäuscht den Schulraum in dem wir unterrichten würden. Auch der Direktor war dieses Mal anwesend und begrüßte uns. Wir fragten nach den übrigen 90 Kindern die an der Schule sein sollten und er versuchte uns in einzelnen englischen Wörtern klarzumachen, dass die Hälfte der Kinder wohl gerade frei hätte wegen der Prüfungen und die anderen würde sicher irgendwann im Laufe des Vormittag dazukommen. Während er uns das erklärte küssten regelmäßig neu eintreffende Kinder die Füße des Direktors, ein wenig verstörend war es schon die Kinder dann davon anzuhalten, selbiges Ritual auch bei uns durchzuführen. Da der Direktor selbst überhaupt keinen Anschein machte, einen Finger zum unterrichten zu krümmen, entschieden wir uns kurzerhand die handvoll Kinder von unseren mitgebrachten Origami-Papieren zu überzeugen. Wir falteten einige Minuten vor uns hin, erschufen Kühe, Katzen, Fische und Hunde und brachten so gleichzeitig ein paar englische Wörter ins Gespräch. Schnell sprach sich herum, dass heute etwas Neues in der Schule passieren würde, und die kleine Gruppe wuchs zu einer großen Gruppe kleiner Kinder heran. Als uns die Papiere ausgingen wechselten wir an die Tafel und versuchten, ein paar erste Sätze und Körperteile zu erklären. Im Augenwinkel beobachtete ich, wie ein Kind einen Papageien aus dem Rucksack zog, aber ich versuchte das zu ignorieren und mit “Head and Shoulders” weiterzumachen. Als ich bei “Knee” ankam war der Papagei schon auf der Schulter des Direktors der sich einen Spaß daraus machte, ihn, ganz und gar nicht ablenkend, allen herumzuzeigen. “Toes, Knees and Toes” schrieb ich an die Tafel als ich nur noch so nebenbei bemerkte, dass ein Hund mit einem Papageien im Maul aus dem Schulhof rannte und damit jede Art von Aufmerksamkeit für einige Minuten verloren war. Am Ende sangen wir noch gemeinsam das “Head, Shoulders, Knees and Toes”-Lied und alle Kinder, selbst jenes das nun keinen Papageien mehr besaß, sangen und tanzten begeistert mit. Mir dröhnte der Kopf von diesem langen Tag und ich war froh, dass wir am Ende den Weg zurück zu unserem ruhigen Bett fanden.
Die restlichen Schultage
Nach unserem ersten chaotischen Auftakt kam eine gewisse Routine in unseren Schulalltag. Wir verteilten immer wieder ein paar Stifte um die ersten Kinder ruhig zu stellen, wie sich herausstellte eine schreckliche Idee denn plötzlich hatte jedes Kind noch mindestes zwei kleine Geschwister die auch Stifte bräuchten. Sätze wie “Colors, Please” und “School Pens for my sister, Mister” waren von da an in jeder Minute zu hören. Wirkliche Ruhe erhielten wir nur durch unsere eingeführte Finger-Geste, ähnlich dem legendären “Grundschul-Fuchs”. Diese Ruhe war aber meist schnell von einem Kind oder noch viel öfter vom wild herumschreienden Direktor unterbrochen, der unsere Non-Verbale Geste nicht verstehen wollte. Zudem fingen wir auch an, gemeinsam mit den Kindern Jonglagebälle herzustellen. Dazu hatten wir ein paar Kilo Reis, einige Packungen Luftballons und ein paar Plastikbeutel besorgt. Wir stopften den Reis in die Tüten, die Ballons darüber und Tada: Fertig war der Jonglageball. Immer wieder zeigten wir den lachenden Kindern neue Jonglage-Tricks, brachten ihnen geduldig englische Sätze über den Körper und ihre Gefühle bei und übten fleißig einige leichte Kinderlieder mit ihnen. Unsere Köpfe wurden über die Tage hinweg immer resilienter und unsere Seelen immer leichter, denn wir hatten den Eindruck, hier den Kindern neben den klassischem Englisch-Unterricht auch einige interessante Lebensimpulse vermitteln zu können. Als wir am letzten Tag “Head, Shoulders, Knees and Toes” anspielten schallte uns eine laute Gruppe Kinder mit dem Song entgegen, einige Kinder konnten sogar schon ein paar Sätze formulieren und wir trennten uns nur ungern von den liebenswerten Winzlingen.
Sicher, eine Woche ist nicht viel um überhaupt etwas Substanzielles mit den Kindern zu machen, aber auf der anderen Seite hatten wir den Eindruck, dass allein der Kontakt mit einer anderen Kultur inspirierend sein kann, so war er es zumindest auch für uns. Das Jonglieren wird die Kinder mit Sicherheit auch noch die nächsten Wochen begeistern und vielleicht bekommen eines Tages die gemütlichen Wasserbüffel eine kleine Zirkusshow zu sehen, die ihnen ihre ansonsten so entspannten Mundwinkel ein wenig nach oben ziehen wird.