Hoi an an Tet

Vietnam ·   ·  5 min zu lesen

Im Januar wird in Vietnam das neue Mondkalenderjahr gefeiert. Wir haben uns zu diesem Zweck überlegt wo wir das erleben wollten und sind dann nach Hoi An gefahren, einer recht touristischen aber auch wunderschön gemütlichen Stadt mitten in Vietnam. Hoi An ist durch seine gut erhaltene Altstadt und viele buddhistische Tempelanlagen ein Magnet für Besucher zu jeder Jahreszeit, an Tet, den Neujahrsferien, nimmt das aber nochmal ganz andere Ausmaße an.

Als wir am Nachmittag nach einer langen Nachtzugfahrt erschöpft ankamen machten wir uns noch schnell frisch und gingen dann direkt ins Stadtzentrum. Überall waren Lampions, kleine Altäre und glückliche Vietnamesen positioniert die jedem vorbeigehenden fröhlich lächelnd ein „Happy new Year“ zuriefen. An Tet scheint das ganze Land im Glücksrausch, das ist aber auch nicht weiter verwunderlich denn jeder hat zu den Feiertagen ein bis zwei Wochen Urlaub. Zwischen die bunten Lampen mischen sich alle paar Meter auch kommunistische Hammer und Sichel-Symboliken, rot scheint überall die dominierende Farbe.

Über den Abend hinweg besuchten wir eine kleine Drachen Show bei der das spannendste vermutlich die Parteikader waren, die erst kurz vor Beginn ankamen und dann sich selbst mit ihren kalten Anzügen direkt in erster Reihe vor den sitzenden Kindern platzierten. Die Kinder störte das aber irgendwie kaum, die waren viel zu sehr damit beschäftigt zwischen den Beinen der Politiker hindurch die wild herumzappelnden „Drachen“ zu beobachten. Die Eltern wiederum hatten nur noch Augen für die Hacken der Lederschuhe die den zarten Kinderhänden immer näher kamen, die Politiker anzusprechen wäre aber kaum möglich gewesen. Wir nahmen auch an einem vietnamesischen Bingo-Spiel teil. Jede Gruppe die mitmachen wollte konnte sich ein Holzblättchen mit 3 Songtiteln kaufen und hat dann auf einem hölzernen Turm Platz genommen. Das Spiel ging dann wie folgend: Ein Sänger-Duett fing an, unserem Geschmack nach eher wild-schräge, vietnamesische Volkslieder vorzutragen. Parallel wurde ab und zu ein gut erkennbares Muster als Erkennungsmerkmal des gerade gesungenen Songs hochgehalten. Die Glücklichen, die das Muster auf ihrer eigenen Karte hatten, wedelten wild mit dem Blatt herum und bekamen als Dank eine gelbe Fahne. Wer zuerst 3 Fahnen hat gewinnt. Nach der dritten Spielrunde verstanden wir zwar endlich die Regeln, hatten aber schon die Ohren voll von der Musik und machten uns von Dannen.

Während der Tet-Feierlichkeiten ist in Vietnam alles besonders schön geschmückt. Vor jedem Hauseingang steht ein kleiner Mandarinen Baum der wie seine weihnachtlichen Verwandten von oben bis unten mit Lichterketten oder anderen Gegenständen behängt ist. Es gibt für jeden Gast oder Freund leckere Süßigkeiten wie gezuckerte Ingwer-Stückchen oder Kurkuma-Bonbons. Und wenn man jung ist hat man gute Chancen auf “Lucky Money”, also in rote Papierumschläge verpacktes Kleingeld. Die meisten kleinen Kinder wissen oft noch gar nicht was sie mit dem Geld machen sollen dass ihnen selbst jeder Fremde unterwegs zusteckt.

Der krönende Abschluss unseres Neujahr-Erlebnisses fand dann ab 22 Uhr statt. Wir besuchten die “Hoi An new year Show”, eine im Fernsehen live übertragene Bühnenshow der vietnamesischen Romantik. So würde ich es zumindest beschreiben wenn ich andere eifersüchtig machen wollte. Eigentlich war es eine schlecht koordinierte Aneinanderreihung ein paar weniger, vermutlich unbedeutender, Kitsch-Trullern die in immer wechselnder Besetzung mit dem lokalen Gymnastik-Club versuchten, sich gegenseitig in immer kitschigeren, immer grelleren und immer emotionaleren Songs zu übertrumpfen. Irgendwie waren alle Auftritte vom Frühling inspiriert, aber so richtige Unterschiede konnten wir nach den 2 Stunden nicht mehr erkennen. Vielleicht lag es aber auch an unseren geplagten Ohren, die auch noch Tage nach dem Ereignis ein wenig in Mitleidenschaft gezogen waren. Möglicherweise hatten wir aber auch einen Grund für die Beschwerden der Bevölkerung erfahren, die Politiker würden nicht auf das einfache Volk hören. Da auch bei dieser Show die erste Reihe dem Who’s Who der Regionalpolitik vorbehalten war konnten deren Ohren sicher nicht besser sein als die unseren, besonders da sie das ja scheinbar bei jeder Show so machten.

Als ein besonders gefeierter junger Sänger die Bühne nach seinem Song “Love” wieder verließ, gingen auch die meisten Vietnamesen, sie waren wohl nur für diese eine Darbietung gekommen und wussten, dass es nicht mehr besser werden würde. Nach dem 300sten “auf die Uhr schauen” war es dann auch soweit. Die letzten paar Songs mit den Titeln “Spring is coming”, “I love you”, und “Spring flowers” waren gespielt, die Uhr zeigte 11:59 Uhr. Alle machten sich bereit für den großen Jahreswechsel und wir sahen vor unserem inneren Auge schon das großartigste Feuerwerk mit China-Böllern noch und nöcher vor uns aufblitzen. Zumindest einen Grund musste es ja geben, diesen Abend bis zum bitteren Ende durchzustehen. Wir zählten alle gemeinsam runter: 10, 9, 8, bei “seven” war die Meute schon nicht mehr im Takt und manche waren vermutlich schon bei 11 als Maren und ich die “Zero” ausriefen. Feuerwerk, Knaller, Lichtblitze, alles wurde erwartet. Doch. Es. Kam. NICHTS. Kein Feuerwerk für uns heute, aber einen letzte erste Tat musste noch passieren. Alle Parteifunktionäre, alle Vietnamesen und alle BühnenkünstlerInnen standen gemeinsam auf und auf dem großen Bildschirm erschien die vietnamesische Nationalflagge. Aus allen noch so schlechten Boxen knallte uns die Nationalhymne entgegen die vom Kollektiv aufgegriffen und inbrünstig gesungen wurde. Ein altes Porträt von Ho Chi Minh wurde im Vordergrund gezeigt und verprellte auch noch die letzten interessierten Gäste.

Die verstört enttäuschten Touristen machten sich so langsam auf den Weg nach Hause oder zur Partymeile 50 Meter nebenan. Wir, niedergeschlagen ob der unnötig ertragenen Last, machten uns übermüdet auf den Heimweg und antworteten den vorbeikommenden Einheimischen nur noch mit schwachen “Happy New Year”s.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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