Hampi, das indische Luxor

Indien ·   ·  5 min zu lesen

Mitten im Zentrum Indiens, versteckt hinter langen Zug und Busfahrten verbirgt sich eine mittelalterliche Stadt, die zeitweise nach Peking die zweitgrößte Stadt der Welt war. Auf einem riesigen Gelände voller Steinquader, Palmen und Flussmündungen erstrecken sich die Überreste dieses einstigen Zentrums hinduistischer Religion und eines Königreiches, von dem wir noch nie gehört hatten. Egal in welche Richtung wir blickten, überall sprossen ehemalige Tempelanlagen, Basare, Statuen und andere historische Bauten aus dem grün-orangenen Umland hervor. Während einige davon auch noch bis heute in Benutzung sind bleiben andere, verstecktere Bauten selbst von den zahlreichen Touristen unberührt. Aber vielleicht starten wir von Beginn an.

Hampi wurde im 14.-16. Jahrhundert als die Hauptstadt des Vijayanagara Königreiches erbaut. Ein hinduistisches Königreich, das sicher auch wegen seines nicht gerade verständlichen Namens den Weg in unsere Geschichtsbücher verpasst hat. Im 15. Jahrhundert lebten hier dann schon bis zu 500.000 Einwohner, und es scheint, als ob diese einen besonderen Bedarf an Tempeln und Anbetungsstätten hatten. Aber davon später mehr. Leider wurde die Stadt dann auch schon relativ früh wieder dem Erdboden gleich gemacht, was dafür sorgte, dass wir heute zumeist nur noch Ruinen und Überbleibsel der vergangenen Pracht entdecken können.

Aber diese Überbleibsel sind es wert, die eher beschwerliche Reise auf sich zu nehmen um nach Hampi zu kommen. Wir konnten uns lange nicht satt sehen an den uns so unbekannten Statuen und den Jahrhundertealten Tempeln. Ganz eigen hebt sich der Baustil von allem ab, was wir sonst schon betrachten konnten. So sind in vielen Tempeln die bis ins Detail verzierten Säulen mehrteilig aufgebaut, und scheinbar so geformt, das jede Säule beim Schlag mit der Hand einen anderen Ton von sich gibt. So entstanden in der Metropole zu Feierlichkeiten ganz eigene Kunstwerke religiöser Musik, die sicher eindrücklich durch die unterschiedlichen Täler schallten. Mittlerweile ist es allerdings bei den meisten Anlagen verboten, auch nur in die Nähe einer Klangsäule zu kommen. Vermutlich, um die Säulen vor den nicht minder motivierten selbsternannten Säulen-Musikern zu schützen, die wir immer wieder beobachten konnten.

Gerade die Vielzahl der unterschiedlichen Bauwerke, die verstreute Lage und die Einsamkeit, die man hier inmitten des ansonsten eher trubeligen Indiens finden kann machten für uns Hampi‘s Charme aus. Hinter jedem Tempel, so unsere Faustregel beim erkunden des weitläufigen Gebiets, versteckten sich zwei weitere. Und auch wenn die meisten Anlagen heute nur noch verwildern sind doch auch viele von Ihnen immer noch religiös verankert. Immer wieder begegneten uns bei unseren Entdeckungstouren zwischen den Ruinen andächtig betende Hindus vor einer Statue, oft bringen sie auch ihre eigenen, kleinen Opfergaben mit um dem lokalen Gott zu huldigen. Dann sitzen sie in kleiner Gruppe zwischen den großen, grob behauenen Steinbauten und singen, beten oder essen in Anwesenheit ihres Gottes feierlich vor sich hin.

Nachdem wir an unserem ersten Tag mit einem Tuk-Tuk quer durch das Gebiet gefahren sind um die Highlights der Stadt zu sehen, einen ehemaligen Elefantenstall und ein besonders beeindruckender, prachtvoller Tempel mit einem nutzlosen Stein-Radwagen im Vordergrund waren wir am zweiten Tag zu Fuß unterwegs. Wir hatten uns vorgenommen, den ein oder anderen Ort am Fluss entlang zu erkunden. Zu Beginn funktionierte das auch wunderbar. Wir fanden den Wanderweg, der gesäumt von in den Fels geschlagenen Götterabbildungen am Flussufer entlang führte. Doch je weiter wir am Ufer entlang wanderten, desto seltener wurden die historischen Sichtungen, desto weniger klar war der Wanderweg ersichtlich. Nach einer Stunde kletterten wir dann, mit unseren urdeutschen Birkenstocks von Felsbrocken zu Felsbrocken springend über die Küstenlinie. Als Maren mich gerade noch davon abhalten konnte, mich im Dickicht mit einem Bambusstock bewaffnet auf die Suche nach Giftschlangen zu begeben mussten wir letztlich einsehen, dass der „Weg“ vermutlich schon einige Stunden vorher eher Produkt unseres Wunsches nach einer abenteuerlichen Wanderung als tatsächlicher Pfad gewesen war.

Enttäuscht ob der fehlenden Schlangen, Krokodile hatten wir ja auch keine gesehen, kehrten wir also um. Nicht ohne kurz vorher einem Franzosen begegnet zu sein, der, ebenfalls mit Stock ausgerüstet, auf einem ähnlichen Fantasietrip gewesen zu sein schien. Er erzählte uns, er sei immer der Musik gefolgt und hatte die letzten Stunden versucht, ans andere Ufer zu kommen. Darauf aufmerksam gemacht bemerkten wir auch, dass von einem weit entfernten Hügel auf der anderen Seite her laute, gesungene Musik und Menschenlärm herüberwehte. Nach einer enttäuschend unbeschwerlichen Wanderung zurück, der Franzose hatte einen deutlich entspannteren Weg bis ans Ufer gefunden als wir, machten wir uns also auch auf, dem Ursprung dieses Mysteriums auf die Spur zu kommen.

Letztlich fanden wir heraus, dass eine riesige Menge indischer Pilger für die Geräusche verantwortlich waren. Sie alle waren teilweise Tage durch das halbe Land gepilgert um hier den Affentempel, die Geburtsstätte des Affengottes Hanuman, zu besuchen. Über eine 400 Stufige Treppe pilgerten wir dicht gedrängt hoch zum Tempel um dem mächtigen Hanuman zu fröhnen. Vielleicht auch ein bisschen, um die fantastische Aussicht von dort oben zu genießen oder die Tausenden frei lebenden Affen zu beobachten, die sich über den ganzen Berg hin verteilten um in perfekt einstudierten Streifzügen Trinkflaschen oder Bananen von den Besuchern zu klauen. Als ob das überhaupt nötig wäre an einem Ort, an den die Menschen nur kommen, um Hanuman und seinen Gefährten zu opfern. Es war ja sicher nicht so, das sich an allen Hängen des Berges riesige Haufen geopferte Kokosnüsse auftürmten.

Am dritten Tag waren wir noch früh genug wach, um einen der seltenen Roller auszuleihen. In unserem eigenen Tempo, gelegentlich vielleicht reduziert durch das Schieben des altersschwachen Geräts den Hügel hinauf, konnten wir so dann die weiter entfernten Gebäude besuchen. Fernab von jedwedem Touristentrubel gelang es der Anlage, ihren vollen Charme zu versprühen. Wir konnten uns also alle Zeit der Welt nehmen, die in Stein gemeißelten Götterfiguren und ihre dargestellten Geschichten nicht zu verstehen. Einzig die immer wieder aufblitzenden Kamasutra-Darstellungen hätten eindeutiger nicht sein können.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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