Es blinkt in der Ferne
Es rauscht auch ein Wind
Daher kommt ein Licht,
Wo wir noch wartend sind
Ganesh, oh Ganesh. Bitte höre mich nur an,
Ganesh, oh Ganesh. Bitte fahr jetzt rechts ran!
Wir warten schon lange,
Wir halten heut aus,
Dass du uns erleuchtest,
bringst zum nächsten Haus.
Gebucht hatten wir dich,
Online mit viel Mühn,
Doch lässt du uns stehen,
Lässt uns hier verbrühn.
Ganesh, oh Ganesh. Bitte höre mich nur an,
Ganesh, oh Ganesh. Bitte fahr jetzt rechts ran!
Verheißungsvoll hupt es von Weitem herbei,
Bringt Licht und auch Hoffnung,
Bringt Freude hernei.
Und wieder ertönt nur der Ruf in die Nacht,
Ist’s diesmal der echte, hab ich schon gedacht.
Doch getäuscht hab ich mich,
Ist’s wieder nur Licht
Von ner anderen Route,
Das Herz du mir brichst.
Ganesh, oh Ganesh. Bitte höre mich nur an,
Ganesh, oh Ganesh. Bitte fahr jetzt rechts ran!
Doch trotz allem Lärm und der Lichthuperei,
War’s doch nur der LKW
war’s eine riesen Sauerei
Und so steh ich im Dunkeln
Und warte noch lang.
Wart auf meinen Ganesh
Und zittere bang.
Ganesh, oh Ganesh komm doch endlich vorbei
Und nimm mich zu dir, so oft ich noch schrei!
Verdammt, oh Ganesh, wo bleibst du denn nur?
Bist du schon unterwegs, bist du noch auf Kur?
Ich will doch nur fahren
In Indien hin,
Will weiter nach Osten,
Hab Hampi im Sinn.
Und du lässt mich stehen,
Um 3 Uhr im Wald,
Und du lässt vorbeiziehen,
Tausend Autos, uralt.
Ganesh, oh Ganesh. Bitte komm noch vorbei,
Ganesh, oh Ganesh. Ich schenk dir meinen Chai.
So brech ich dann auf,
Warte nicht mehr auf dich.
Hast du mich verlassen,
Es ist ärgerlich.
Dich werd ich verdammen,
Verfluchen so schnell.
Müd bin ich gegangen,
Unter Hundegebell.
Ganesh, oh Ganesh. Durch dich werd ich klug.
Ganesh, oh Ganesh. Ich fahr lieber Zug.
Ausschnitt aus dem Hohelied des Reisenden.
Kurzinterpretation
Der unbekannte Dichter beschreibt eine, vermutlich traurige, Situation eines Reisenden, der auf einen Fernbus wartet. Immer wieder scheinen dem Wartenden Lichter aus der, vermutlich großen Straße, anzuleuchten die ihm dann einen Funken Hoffnung geben, doch nicht vergebens gewartet zu haben. Letztlich gibt er zu sehr später Stunde das Warten wohl auf, denn in den letzten Absätzen wird die Erzählung und die verzweifelte Bitte an Ganesh immer drängender, am Ende sogar verbittert.
Die Figur des Ganesh ist vermutlich mit einer in der damaligen Zeit bei Reisenden beliebten Bus-Agentur gleichzusetzen, die den Namen „Ganesh-Travel“ trägt. Gleichzeitig ist Ganesh auch eine Gottheit aus dem Hinduismus, einer populären Religion der Zeit. Einzuordnen ist das Werk in den Kontext der neueren Zweifel-Lyrik, möglicherweise ist es also noch nicht allzu alt. Eine genauere Datierung ist allerdings ohne bessere Kenntnisse über den Autor nicht möglich.
Gerade die ersten Strophen beschreiben bildhaft, wie das Ausharren an einer vermutlich trostlosen Straße irgendwo im indischen Hinterland an den Nerven des Wartenden zu zehren scheint. Der Autor, vielleicht auch das Autorenkollektiv, schreibt von Lichtern in der Ferne, von Warten und der Hoffnung auf Erleuchtung. Die Erleuchtung ist vermutlich doppeldeutig und neben den Scheinwerfern der Fahrzeuge wieder eine Anspielung auf die göttliche Einbettung der Geschichte.
Im Anschluss dehnt der Autor das gewählte Versmaß bis ins Unerträgliche, die zuvor gewählte Struktur wird also aufgebrochen und so entsteht ein noch klarerer Bruch, eine Verstärkung der Unsicherheit des Wartens. Kommt der Bus, oder kommt er vielleicht nicht? Ist es vielleicht schon das nächste Paar strahlender Lichtkegel oder wird die Enttäuschung wieder Überhand gewinnen? In diesem Spannungsfeld sind die nächsten Absätze zu lesen.
In der zweiten Hälfte des Werkes kippt dann langsam, aber stetig die zuvor noch hoffnungsvolle Stimmung des Wartens. Immer klarer werden Motive der Frustration, des Aufbegehrens und des Hasses. Der Text beschreibt Schreie und wird auch zunehmend obszöner. So werden große Emotionen heraufbeschworen, ein emotionaler Höhepunkt entsteht. Zum ersten Mal wird auch klar, wie spät die beschriebene Situation tatsächlich war. Es wird von 3 Uhr Nachts geschrieben. Da hier der Höhepunkt der Frustration zu finden ist, ist aber anzunehmen, dass die Situation schon einen langen Vorlauf hatte. Es ist kaum zu weit hergeholt zu behaupten, dass der Wartende schon seit 21:30 Uhr an der Straße wartet. Anders wäre die Frustration nur schwer nachvollziehbar.
Das Ende dieses vorzüglichen Beispiels einer ansonsten eher inhaltslosen Epoche beschreibt die Resignation und die Lehre, die die Hauptfigur aus der Nacht ziehen musste. Er scheint wohl, wann immer es ihm möglich ist, zu versuchen auf den Zug umzusteigen. Ob das besser funktioniert, und ob er so an sein Ziel kommt lässt der Autor gekonnt offen. So entsteht eine Unklarheit die typisch für die neuere Zweifel-Lyrik ist und das Werk zu einem Meisterwerk seiner Epoche macht die ansonsten geprägt ist von Werken wie „Im Zweifel nichts Neues“ oder „Wie du mir, so ich was?“. Gerade diese Unsicherheit ist letztlich namensgebend für die Epoche.
Ganesh, oh Ganesh ist also Lyrik in ihrer Höchstform.

