Grell behängte LED-Palmen, prall gefüllte Kirchen mit noch praller behängten Altären, der Geruch von Zimt hängt in der gesamten Stadt in der Luft und auf der Straße begegnen dir überall Teufel und Krokodilkostüme? Ja, es ist mal wieder Weihnachten! Das Fest der Liebe, das Fest des ungebändigten Zimtkonsums und auch das Fest sich mal wieder daran zu erinnern, welcher Religion man vielleicht einmal angehört hatte. Wir haben uns zu dieser Zeit der geschlossenen Museen und überfüllten Busfahrten aufgemacht die mexikanische Feierlaune zu entdecken. Wie würde hier, in Puebla, Weihnachten gefeiert? Was macht man eigentlich als einsamer Reisender in Fremden Gefilden während dieses Familienfestes? Und vor allem: Wo gibt es die besten Leckereien zu verschlucken?

Das erste was wir von der nahenden Weihnachtszeit mitbekamen war der plötzlich verstärkt auftretende Hang der Mexikaner, noch mehr Lichterketten über die ganze Stadt zu verbreiten. Wir dachten eigentlich, bei den kilometerlangen LED-Streifen des Guadalupe-Festes seien wir schon am Zenith der hiesigen Lichtkunst angekommen, doch weit gefehlt! Die Pueblaner ließen jeden grell erleuchteten Kirchenvorplatz San Cristobals noch so aussehen, als wäre damals maximal ein Notstromaggregat aufgestellt gewesen. Grell leuchtende Palmen bis an die Blattspitze bewaffnet mit LED-Streifen, sich in schwindelige höhen hinaufrankende Weihnachts-“Bäume” und nicht zuletzt bunt blinkende Grippenspiele bei der jede noch so unwichtige Nebenfigur wie Josef oder auch der Esel in blendende Lichtkunst eingehüllt wurde. Nur eine Figur, vielleicht eine unwichtige, war noch in keiner der zahllosen überlebensgroßen Grippen zu finden: “Santo Jesus Jr.” höchstpersönlich ließ sich nicht blicken. In Mexiko ist es wohl Brauch, ebenjenen Winzling um den die ganze Zeit ein TamTam gemacht wird erst nach dem 24. in die Grippe zu legen. Irgendwie auch schlüssig, denn wie hätte er denn zuvor schon seinen göttlichen Babyschrei erklingen lassen können? Vor seiner Geburt? Ein bisschen ab von der Logik ist die Tradition mancher Familien, für jedes Familienmitglied eine eigene Jesusfigur in die Grippe zu legen. Da kann es dann gut mal sein, dass Maria und Josef für die kommenden Jahre eher mit Vier-Fünf- oder Zehnlingen zu kämpfen haben werden. Ein göttliches Chaos dessen Erziehung ich mir nicht vornehmen würde.

In einem Land in dem der katholische Glauben (Mal abgesehen von ein paar Hühneropferungen) so weit verbreitet ist war uns natürlich sofort klar, dass wir um einen Besuch in der hiesigen Kathedrale wohl kaum herum kommen würden. Doch auf dem Weg dorthin gab es noch den ein oder anderen grummelnden Magen zu befüllen. Also warfen wir uns in die Menge und nichts wie hin zum Weihnachtsfutter-Spektakel. Doch wer, so wie ich, auf ein paar Weihnachtsplätzchen hofft der wird wahrscheinlich nur enttäuscht werden. Von Vanillegipferl, Zimtsternen und Schokoladenkeksen a la Zimmerholz werde ich wohl noch ein weiteres Jahr träumen müssen. In Mexiko scheint es zur Weihnachtszeit im Übrigen auch gern gesehen, Partnerkostüme anzuziehen. So begegneten uns auf unserer Essenssuche zig Krokodile in Ganzkörperanzug und der ein oder andere Teufel kreuzte auch unseren Weg. Zuletzt führte uns meine geschulte Nase an einen völlig überlaufenen Straßenstand der Churros verkaufte. Churros, das sind in Fett getränkte Manifestationen von Zucker-Gebäck. Crunchig-Süß, frisch von der Fritteuse könnte noch nicht einmal ein hungriger Lockenschopf einer solchen Verlockung widerstehen. Dafür warte ich auch gut und gerne mal 20 Minuten an der kalten Straße, nur um dann einen Churros mehr in meine warme Papiertüte fallen zu lassen. Mit Zimt oder Zucker, ein Churros ist der wahre Traum eines jeden Zahnarztes. Einfach herrlich unvernünftig! Für mich zwar keine Alternative, aber dennoch eine interessante Anekdote bieten die mexikanischen “Rundes-Brötchen-mit-Gelatine-Obendraufgeklebt”-Backwerke die es in der Adventszeit überall zu kaufen gibt. Das interessante am Verzehr dieser Backware ist der Nervenkitzel, denn irgendwo im Brot scheint sich ein Christkind zu verstecken das dem Finder nicht nur Zahnschmerzen sondern auch die zweifelhafte Ehre zuteil kommen lässt, die nächste Portion Tacos zu backen. Mangels Zugangs zu einer Küche und vielleicht auch, weil die Teile selbst nicht besonders ansprechend aussehen, verzichteten wir aber dieses Jahr auf dieses mexikanische Wundermahl.

Stattdessen ging es, nun mit prall gefülltem Magen, hin zur Kathedrale. Angekündigt war ein Knabenchor und den wollten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Nach ein paar Minuten anstehen und nachdem wir einen tollen Platz schön mittig im dreischiffigen Bau gefunden hatten warteten wir also gespannt auf das Konzert. Kurz vor dessen Beginn näherte sich dann mit langsamen Schritten ein kleiner, rundlicher Erzbischof vom Kircheninnern auf uns zu. Wo auch immer er an einer Bank vorbeikam standen alle Kirchenbesucher respektvoll auf, grüßten ihn und schienen ihr Glück nicht zu fassen, einem solchen Superstar so nah zu sein. Einige knieten sich auch danach noch minutenlang auf die Kirchenbank und beteten inbrünstig dem Herrn entgegen. Bei mir sorgte die Kombination alter, heiliger Mann mit jungem Knabenchor zwar eher für fragwürdige Assoziationen aber das schien nicht die Norm zu sein. Als er sich dann direkt hinter uns setzte war an einen ruhigen Kirchenkonzertbesuch kaum noch zu denken. Immer wieder stellten sich eifrige Gläubige in schrägem Winkel vor uns um dann heimlich mit uns, oder vielleicht auch mit dem Erzbischof, ein Selfie zu schießen. So viele Selfies wurden von uns schon seit Indien nicht mehr gemacht.

Doch dann ging es endlich los! Unter der Kirche angemessenem ruhigen Applaus stolperten eine Handvoll “Knaben” vor den Altar, alle in ein Kostüm gesteckt das den Mangel an “echten” Weihnachtsbäumen schnell vergessen ließ. Der Knabenchor bestand zur Hälfte aus Vorschulkindern und zur anderen Hälfte aus Männern, denen ich das Wort “Knabe” nicht mal aus zehn Metern Entfernung zugerufen hätte. Unter noch verhaltenerem Applaus kam dann zuletzt ein alter Mann auf die Bühne und stellte sich an das Keyboard. Ein paar grelle Dudeltöne vom Klaviermodus, ein paar majestätische elektrische Orgelpfeiftöne und ein krächzender, knarzender Testakkord eines mir unbekannten Instrumententyps später war dann wohl der Klangmodus entschieden und das Konzert begann. Es folgte eine lange Abfolge unterschiedlichster Chorlieder mit Weihnachtsbezug untermalt von einem krächzendem, knarzenden und viel zu lauten Keyboard. Es hatte sich wohl im Vorhinein niemand so richtig Gedanken über die Lautstärke des Instruments gemacht, denn der Chor war nur an vereinzelten Stellen klar von der Kakophonie des Pianisten herauszuhören. Ein Highlight war sicher “Oh Tannenbaum”, wo es uns zumindest möglich war, einen Teil der Melodie zu erahnen. Auch wenn das, was da gesungen wurde, nur in entfernter Annäherung an einen deutschen Dialekt ähneln konnte. Am Ende des Konzerts bequemte sich dann der Erzbischof mit seinem Gefolge zum Chor, lobte die erleichterten Jungs und Männer und bot sich der Gemeinde als lebendigen Weihwasserbrunnen an. Mit gekonntem Handschwung spritzte er seine heilige Flüssigkeit abwechselnd dem linken und dem rechten Pulk an Gläubigen entgegen, alle paar Minuten die Seite wechselnd so dass auch jeder die Chance hatte, ein wenig Heiligkeit in sich aufzunehmen. Aus so manchem Mantel hatte während der Zeremonie auch ein Jesuskind gelugt das nun extra zu diesem Zwecke liebevoll der Segnung entgegengestreckt wurde, man weiß ja nie wie gut die Weihung nach einem Jahr noch hält.

Nach dem Konzert machten wir uns dann müde, aber befreit von jeder sündhaften Tat, auf den Heimweg durch die mit Churrosgeruch geweihte Mengen. Wir schlachteten unsere eigene, kleine Pinata so wie es in ganz Mexiko gemacht wird, und besannen uns auf unsere wunderschöne Reisezeit. Zusammen schwelgten wir in Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste, an unsere jeweiligen Familienbräuche und unsere Herzen wurden mal wieder etwas schwerer ob der fehlenden Familie an diesem Tag. Eigentlich ist Weihnachten für mich schon seit längerem eher eine anstrengende Zeit. Es gibt viel zu tun, viele Familien und Freundes-treffen und meist ist auch noch kaum jedes Geschenk bis zum 24. gekauft geschweige denn eingepackt. Doch wenn man so weit weg von all diesen Dingen ist bemerkt man auch, dass in der Weihnachtszeit ja auch viel gelacht, gesungen und geschlemmt wird. Es wird sich gegenseitig umarmt, neue Geschichten ausgetauscht und man hat einfach zusammen mit seinen Liebsten Spaß. Sicher ist es auch einmal schön, an Weihnachten nicht zuhause zu sein um dem Geschenkestress und der schlechten Musik ein bisschen zu entgehen, doch zur Angewohnheit wird das bei uns sicher nicht werden, denn dazu vermissen wir doch heute zu sehr unsere Familie und die gemeinsame Zeit.