Ein Tag in Karnak

Ägypten ·   ·  4 min zu lesen

Nachdem wir gestern Nacht in Luxor angekommen sind haben wir uns vorgenommen gleich möglichst früh die erste Anlage in Luxor kennenzulernen: Karnak auf der Ostseite Luxors. Wir haben uns schon lange auf die ersten altägyptischen Tempel gefreut und was soll ich sagen, die Ägypter haben sich vor 4000 Jahren mal wieder selbst übertroffen. Aber vielleicht starten wir erstmal am Anfang.

Als wir nach einer kurzen aber mittlerweile geübten Verhandlung zum Taxipreis kurz und schmerzlos bei Karnak ankamen waren wir echt beeindruckt. Von allen Seiten kam uns Fachpersonal entgegengestürmt. Gleich eine ganze Reihe Archäologen wollten uns ihre Dienste anbieten, und letztlich haben wir uns für einen entschieden der sich in passablem Deutsch vorstellte und uns relativ nett vorkam. Als er dann direkt mit seinem Text loslegte wurde aber relativ schnell klar, dass sich seine Expertise wohl eher auf eine ganz bestimmte Route in Karnak beschränkt war. Schon bei leicht verwandten Fragen geriet er ein wenig ins Straucheln. Auch die aus dem Stand vorgetragenen Übersetzungen der Hieroglyphen-Inschriften wirkten auf mich eher semi-glaubwürdig. Aber nachdem er direkt unsere Namen in Hieroglyphen schreiben konnte waren jede Zweifel an seiner wissenschaftlichen Autorität wieder zur Seite gefegt. Er wusste von kuriosen Doppel-Penisen in manchen Inschriften, konnte aber auch spannende Infos über Baustil, Bauzeit und Beschaffenheit des Tempelkomplexes zum Besten geben.

Eines Tempelkomplexes, der wohl mit nichts zu vergleichen ist was wir aus Europa kannten. Dessen Zustand relativ zu seinem Alter unglaublich war, wir konnten noch 3-4000 Jahre alte Farben an vielen Wänden entdecken. Wo, wenn man Glück hat, andernorts vielleicht noch einzelne Farbreste oder einzelne Mauerteile erhalten sind (Und das auch noch meist nichtmal halb so alt) waren in Karnak noch komplette Textzeilen farbig zu bestaunen. Geschriebene Textzeilen zu lesen, wo in Europa die ersten Textzeugnisse mindestens 1000 Jahre jünger sind.

Karnak war über 2000 Jahre lang das religiöse Zentrum Ägyptens. Hier haben sich über die Jahre hinweg viele große Pharaonen wie z.B. Ramses II. oder Sethos I. verewigt. Meist war es so, dass einfach eine weitere Anlage an die Vorderseite des Haupttempels angebaut wurde, das sorgt also auch dafür, dass je weiter man in das Tempelinnere vorstößt desto ältere Eindrücke bekommt man. Und wenn mal ein Pharao nicht fertig wurde konnte es auch vorkommen, das Teile der Mauer oder auch einzelne Säulen nicht vollendet wurden, ein weiteres, spannendes Detail für uns als Besucher. Denn so kann man auch noch heutzutage erkennen, wie diese riesigen Säulen einmal gebaut wurden.

Wir konnten auch den größten noch in Ägypten befindlichen Obelisken sehen. Dieser ist ca. 29m groß. Kaum vorzustellen wie viel Aufwand es gewesen sein muss diesen Monolithen, also diesen aus einem einzelnen Granit-Block gehauenen Giganten, über 200km auf dem Nil zu transportieren und dann auch noch am Stück wieder aufzustellen. Das war auch noch später so viel Aufwand, dass es dem französischen König in der frühen Neuzeit zu teuer war, den zweiten geschenkten Obelisken auch noch nach Frankreich zu deportieren. Dennoch sind im Moment mehr Obelisken außerhalb Ägyptens als im Inland. Ein trauriges Kapitel der kolonialen Geschichte Ägyptens.

Gegen ein kleines Trinkgeld hatten wir gegen Ende unseres Besuchs noch die Gelegenheit, eine riesige, sitzende Statue am Südeingang Karnaks zu besichtigen. Ein Zufallsfund der den Massen an Touristen die jeden Tag um 11 Uhr mit den Bussen ankommen meist verborgen bleibt. Wir sind auf einem unserer kleinen Streifzüge in den Randgebieten des Tempels an eine Absperrung geraten und mit ein bisschen Kleingeld ließ uns die Wache passieren. Hinter einem großen Tor hatten wir dann zwei riesige Statuen komplett für uns allein. Ein bisschen verboten hat es sich aber dann doch angefühlt als wir von der Wache zum Hintereingang geführt wurden um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Nachdem die Sonne mit Hilfe von Re dann ihren Höhepunkt erreicht hatte und uns Ungläubigen klar machte, dass mit ihr nicht zu scherzen sei, sind wir dann am Nachmittag zurück zu unserem Hotel an den Nil gefahren. Geplättet von all diesen fantastischen Eindrücken und mit einem Cocktail bewaffnet haben wir dann den Abend ruhig am Pool ausklingen lassen. Der fast schon kitschig romantische Anblick des Nils mit unzähligen Feluccas war perfekt dazu geeignet, diese Eindrücke zu verarbeiten und sich schon auf die nächsten Tage in Luxor zu freuen.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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