EINATMEN. Langsam strömt die Luft durch meinen zu einem kleinen “O” geformten Mund. Ich leite die salzige Meerluft in meinen leeren Bauch, der erfreut sich an ihr und bedankt sich mit einem wohligen Aufblähen. Tief Einatmen. Unter mir erstreckt sich das freundliche, bodenlose Blau des Meeres. Eine senkrechte Schnur windet sich von der Boje hinab in die Dunkelheit, erwartet meine Nähe und schwimmt gemütlich in der leichten Strömung unter mir hinweg. In 20 Metern Tiefe wiegt sich eine Reihe kleiner Gewichte im Takt der beruhigten Natur, kaum erkennbar hängen sie dort am Seil und erwarten mich, rufen mit verheißungsvoller Stimme nach mir.

AUSATMEN. Kurz halte ich meine prall gefüllte Lunge an, entlasse einen kleinen Stoß aufgebrauchter Luft aus ihr, halte erneut an und entlasse dann mit einem leisen Zischen langsam und kontrolliert die Luft aus meinem Körper. Mit ihr entweicht jede Spannung und mein Körper fühlt sich etwas ruhiger als zuvor. Wie auch die temporäre Anspannung in der Lunge entweicht auch ein Teil meiner Reise-Spannung. Monate aufregender, unglaublicher Ereignisse spielen sich vor meinen Augen ab und lassen schließlich meinen Körper von der durch sie während der Erlebnisse angesammelten Dichte ausatmen. Die letzten Tage auf der thailändischen Insel Koh Tao, die intensive Zeit in Bangkok, die durchgetakteten Tage in Vietnam, die atemberaubenden Tempel Kambodschas. Bis zu den Gräbern der großen Pharaonen entweichen sie langsam, aber sicher meinem Kopf und entlassen mich in eine ruhigere, klarere Zukunft.

EINATMEN. Das Zischen durch die O-Form bringt Erinnerungen an die letzte Party-Nacht im “Fishbowl” zurück. Zur Musik der 2000er und Belustigung meiner Mitreisenden zuckten meine Muskeln unkontrolliert über die Tanzfläche. Schweiß, Tanzen, Lachen und Sauerstoff. Sauerstoff füllt meinen Brustkörper, ich ziehe meine Schultern zurück wie ich es von meinem Freedive-Lehrer heute morgen gelernt habe. So breitet sich meine Lunge noch etwas weiter aus, und mehr Platz entsteht für diese lebensbringende Luft-Meersalz-Mischung. Irgendwo dort unten taucht vielleicht auch Elisa. Die frisch gebackene Taucherin erkundete in den letzten Tagen die Riffe um Koh Tao herum und erzählte uns von Fischen, Krebsen und Korallen die sie vor ihrer Taucherbrille gleiten sah.

AUSATMEN. Ich schließe die Augen und erinnere mich an die Dunkelheit, die uns während des Nachttauchgangs umhüllte. Kein natürliches Licht, kein Sonnenstrahl, kein Schatten und kein Walhai. Nein, natürlich kein Walhai. Wir hatten uns so erhofft nochmal eines dieser gigantischen Tiere vor unsere Taucherbrillen zu bekommen, aber vielleicht haben wir in Mexiko mehr Glück. Mit der Entspannung der entweichenden Luft kommen aber erneut die starken Erinnerungen an unsere erweiterte Tauchausbildung. Große, grummelige Triggerfische die ihr Territorium verteidigen wollen, blaue, brausende Barracuda-Schwärme schwimmen schnell an mir vorbei. Unter mir entweicht das Weltkriegs-Schiff aus den wabernden Wassern der 30 Meter-Tiefen Ruhe. Korallenberge, Schildkröten, Mini-Haie, Einsiedlerkrebse. Das und viel mehr begegnete uns in den beruhigenden Tiefen der umgebenden See.

EINATMEN. Ich denke an Maren. Vermutlich liegt sie mit einem leckeren Getränk am Strand und macht einen weiteren Domestica-Kurs. Vielleicht illustriert sie auch nur vor sich hin, liest ein inspirierendes Buch oder schlägt sich zwischendurch den Bauch im hippen Factory-Cafe voll. Ein Lächeln kommt über mich und lenkt mich ein paar Sekunden von meiner Aufgabe ab. Einatmen, möglichst lang, möglichst kontrolliert, möglichst voll soll meine Lunge sein. Ich werde den Sauerstoff brauchen dort unten, werde jedes Bläschen nutzen und mich in die Tiefe stürzen. Nur nicht zu sehr an die Tiefe denken, nicht an das Ziel, nicht an die Beklemmung die sich einstellen könnte. Du brauchst den Sauerstoff nicht haben sie mir von Anfang an gesagt. Irgendetwas mit dem Vagus-Nerv der mich zunächst glauben machen möchte, ich bräuchte ihn doch. Doch Ruhe und Entspannung sei das Gebot der Stunde. Beruhige deinen Puls, entspanne deine Muskeln, werde eins mit dem Wasser und fühle dich wohl.

AUSATMEN. Die letzten 10 Tage vergingen wie im Flug, unsere langen Nachtzugfahrten von Nordthailand bis in den Süden, die Fähre, die Ankunft und unsere Tage am Strand. Nun schwebe ich über allem, schwebe über dem Grund, weit entfernt von den Tauchtouristen Thailands, von den Tagestouren und Palmenhügeln, von der Hitze und der Enge der Stadt, von Unruhe und Reiseunlust. Die Luft weicht von mir, und ich spüre, ich bin bereit. Bereit für Indien, bereit für Japen, bereit für mehr und die Tiefe des Blaus.

Nachdem die Luft aus meinem Körper ist atme ich noch zwei Flushes, kurze Atmer mit leicht stöhnendem Geräusch um das überflüssige Stickstoff aus meinem Körper zu befreien. Dann atme ich tief und schnell ein, fülle meinen Bauch, meine Lunge bis hoch zum Hals und gleite hinab in die Tiefe. Ich suche das Seil, schlage langsam aber bestimmt mit den Flossen senkrecht nach unten, parallel zu dieser Linie geradewegs hinab in die Entspannung. Außer meiner einen Hand die meine Nase zuhält um den Druckausgleich zu gewährleisten löse ich gezielt jede Anspannung aus meinem Körper, bewahre Sauerstoff um in die Tiefe zu kommen. Ich unterdrücke den Atemdrang, den Drang Luft aus meinem Körper zu lassen und der Druck auf meine Lunge erhöht sich mit jedem Flossenschlag. Nach 10 Metern falle ich durch mein eigenes Gewicht immer schneller hinab, denke nicht an das Ziel, denke nicht an die Oberfläche sondern entlasse meine Gedanken ins ewige Blau. Die Gewichte spüre ich überrascht in meiner Hand, 20 Meter, das ist meine Tiefe, singen sie mir ruhig entgegen und ich halte mich an ihnen fest um meinen fallenden Körper drehen zu lassen. Unten suche ich den Blickkontakt zu meinem Tauchinstructor und signalisiere ihm, alles in Ordnung, es geht wieder hoch. Bestimmt, und ein wenig beklemmt, trete ich meine Flossen rhythmisch und gleite wieder nach oben. Ich denke nicht an das Ziel, oder versuche es zumindest, aber es fällt mir schwer. Schaffe ich es? Reicht meine Luft? Brauche ich Hilfe? Ich blicke zu meinem Mittaucher, er signalisiert mir mich zu entspannen, macht beruhigende Gesten und ich versuche, meine Schultern noch ein wenig mehr zu lösen. Die letzten Meter sind die gefährlichsten habe ich heute morgen gelernt, aber ich versuche den Gedanken wegzuwischen und gleite immer weiter nach oben. Und endlich kommt sie, die rettende Wasseroberfläche, die Boie und meine Lunge füllt sich freudig mit Luft. Jeder Atemzug haucht neues Leben in meinen Kopf, jeder Atemzug lässt mich realisieren was ich gerade geschafft habe, jeder Atemzug macht mich begierig auf mehr. Mehr Tauchen, mehr Reisen, mehr Erlebnisse und mehr Ruhe.