Ein Meer voller Tempel und ein bisschen Milch

Kambodscha ·   ·  5 min zu lesen

Gleich in unserer ersten Woche in Kambodscha haben wir uns ein absolutes Highlight der gesamten Reise vorgenommen. Wir haben Angkor Wat besucht. Ein riesiges Gebiet voller beeindruckender, hinduistisch-buddhistischer Tempel aus der europäischen „ich Bau mal wieder eine neue gotische Kirche“-Epoche. Inmitten dichten Regenwaldes verstecken sich hier Bauwerke von unglaublichen Ausmaßes, deren Bedeutung noch bis heute in die Kultur, die Religion und das Selbstverständnis der Kambodschaner ausstrahlen.

Für uns begann, frisch unterstützt von unseren deutschen Freunden, unsere Erkundungstour durch Angkor kurz vor Weihnachten. Da das Gelände sich über mehr als 20 Quadratkilometer erstreckt war von Anfang an klar, dass das hier keine Einmal-hin-alles-drin Show werden würde. Wir beratschlagten uns also längere Zeit wie das Großprojekt Angkor wat am besten anzugehen wäre, nicht ohne aber Zeit für den ein oder anderen „Angkor, What?“ Wortwitz auszulassen. Die Vielzahl sehr ähnlicher Tempelbezeichnungen bot sich hierfür aber auch nur zu sehr an, oder könnt ihr ernsthaft einen Unterschied zwischen Angkor Wat, Angkor Tom, Wat Prom, Wat po, Po wat oder wat war den das entdecken? War weiß denn ich wie viele unterschiedliche Tempel es hier zu sehen gibt. Letztlich mussten wir uns aber eingestehen, dass jede noch so detaillierte Planung letzten Endes doch nicht perfekt sein könnte und wir machten uns mit einer groben Skizze, einer Tempelreihenfolge, auf den Weg.

Schon Morgens zwängten wir uns zu viert in ein Romrok, einer Rikscha-Kutsche für den gediegeneren Touristen, und tuckerten aufgeregt durch die beschauliche Waldlandschaft. Am ersten Tempel angekommen, dem Preah Khan, ging dann das Spektakel los. Wir wurden an einem steinernem Tor und einer Umgehungsmauer herausgelassen und machten uns mit unseren Birkenstocks auf den Weg. Mit viel Respekt für den Wald, wir hatten zuvor gelernt dass das gesamte Gebiet um die Tempel herum von Tretminen aus der schrecklichen Völkermordszeit Kambodschas vermint war, waren wir peinlich darauf bedacht dem Tretpfad zu folgen.

Doch dann stand sie plötzlich vor uns, die versteinerte Manifestation eines götterfürchtigen Volkes. 1000 Jahre hatten die Mauern vor uns schon dem Urwald getrotzt, den gigantischen Bäume schon teilweise Platz gemacht und dennoch war die Anmut und die Pracht noch immer gut zu erkennen. Vor uns zeigte sich der erste Tempelbau von Jayavarman dem siebten (es ist eigentlich immer der siebte, die anderen waren deutlich weniger baulustig). Ich werde sie so schnell nicht vergessen, die Wandreliefs, die mystischen Wesen die den Eingang flankierten, die Buddha-Statuen die sich im Tempelinneren versteckten, die halb zerfallenen Mauern die Stolz ihre ganze Kraft zusammen nahmen um nicht dem Sog der Zeit zu verfallen, die Urwald-Bäume die ihnen entweder dabei halfen oder sie vielmehr noch auseinanderdrückten, die leeren, lichtdurchfluteten Gänge mit ihren unzähligen Verzweigungen. Unter Vogelgezwitscher und Affensprüngen wandelten wir recht ziellos umher, waren eigentlich nicht in der Lage diese ganze Pracht in uns aufzusaugen.

Nach diesen ersten Stunden in Preah Khan begriff ich noch lange nicht, was uns an diesem und den folgenden Tagen bevorstand. Ich ahnte nicht, wie viele weitere Tempel uns aufs Neue begeistern würden, ahnte nichts von den traumhaften Paradisen die die Khmer damals errichteten. Es fühlte sich noch viel zu surreal an, hier in Angkor von einem Tempel zum nächsten zu fahren, als Besucher in einem anderen Reich das sich uns nur so viel offenbarte, wie es ihm passte.

Den Khmer gelang es damals auf fast magisch beeindruckende Weise, jeden neuen Tempel an sich wie eine überirdische Stätte eines unberührbaren Gottes aufzubauen. Jede Anlage ist gesäumt von einem ziemlich großen Wassergraben der in der hinduistischen Religion die Verbindung von Himmel und Erde symbolisiert. Die wenigen Übergänge sind dann oft flankiert von einem sportlichen Wettstreit der Superlative. Im sogenannten „Quirlenden Milchmeer“ streiten sich alle Götter mit Rang und Namen mit den Dämonen aus einer der über dreißig Höllen. Als keine Seite die Oberhand gewinnen konnte und das Meer, in dem der Streit stattfindet, durch das ständige Kriegsgetrampel schon zu Milch verquirlte, bietet sich letztlich die gigantische Urschlange „Naga“ als Zugseil in einem gigantischen Seilzieh-Wettbewerb an. Seit dem ziehen, so die Sage, die beiden Parteien in einem ewig währenden Wettstreit um die Sieg. Dieses epische Spektakel begleitet in Angkor den Zugang der meisten Tempel und war zudem eines der wenigen Motive, dem wir immer wieder begegneten. Aber auch die über und über mit Verzierungen geschmückten Fassaden und die Götterstatuen leisteten hier ihren Beitrag, Angkors Wunder über das Gewöhnliche zu erhöhen.

Jeden der 5 Tage nutzten wir so gut es ging, um diesem Weltwunder der Moderne seine letzten Geheimnisse zu entlocken, ein an sich unmögliches Unterfangen. Wir bestaunten die meterhohen, freundlich lächelnden Gesichter Jayavarman des Siebten im Bayan Tempel, wunderten uns über die perfekt geformten Lotus-Türme von Angkor Wat, freuten uns diebisch über jede neue siebenköpfige Naga die wir erkennen konnten, interpretierten die kilometerlangen Wandreliefs mit Darstellungen aus auch alltäglichen Lebenssituationen und steckten unsere Nasen in jedes Mauerloch das wir finden konnten.

Ab und an kämpften wir auch mit den pubertierenden Affen-Teenies um unser Essen und konnten sogar mal eine kleine Mini-Naga einen Baum hochklettern sehen. Viele der Tempel waren relativ unberührt von den Touristenmassen, die an einem solchen Ort natürlich auch immer zu finden sind. Wie auch an anderen Orten gab es aber auch an den bekannteren Sehenswürdigkeiten immer einen Winkel der geruhsamen Viersamkeit der uns bereitwillig durchatmen ließ.

Die Zeit in Angkor ist noch nicht einmal vorbei und ich habe schon Angst vor dem Abschied. Der Eindruck, den diese fantastische Welt voller Baukunst und Religion auf mich hinterlassen hat ist schwer zu fassen. Es ist eine Mischung aus bedingungsloser Verliebtheit, verträumter Fassungslosigkeit und endlosem Ruinen-Hunger. Kein Tempel ist wie der andere und ich glaube kaum dass es mir möglich sein wird, Angkor für immer den Rücken zu kehren.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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