Ein ganz normaler Tag in Kambodscha

Kambodscha ·   ·  7 min zu lesen

Als wir uns am Morgen zusammenrappelten war uns noch nicht bewusst, was für ein besonderer Tag uns bevorstand. Wir wussten nicht, wie viele spannende und eindrückliche Erfahrungen wir machen würden, wie unterschiedlich uns die Lebenswelten begegnen würden, die wir den Tag über besuchten. Unser Programm war eine “Country Side Tour” in Battambang. Doch dass diese Tour gleichzeitig eine Vielzahl der spannendsten Eindrücke in das alltägliche Leben in Kambodscha und Südostasien liefern würde war noch in keinem unserer müden Augenpaare ersichtlich. In dieser morgendlichen Müdigkeit zwängten wir uns, von unserem Rormokfahrer herzlich begrüßt, zu viert hinten in die Motorkutsche und fuhren in ein Abenteuer der ganz anderen Art.

Unser erster Stopp war der lokale Wochenmarkt etwas außerhalb der Großstadt. Nachdem wir unsere schmerzenden Hintern ob der ruppigen Fahrt ein wenig entspannten machten wir uns zusammen mit unserem in Höchstlaune befindlichen Guide auf den Weg durch den Markt. Das wuselige Treiben das dort herrschte macht es im Nachhinein nur schwer möglich, ein klares Bild unserer Eindrücke zu vermitteln. Ein Eisverkäufer ist damit beschäftigt, eine Wagenladung voller Eisquader an die auf Kühlung angewiesenen Fischhändler zu verkaufen. Während einer vor dem Wagen die Abrechnung macht ist der zweite damit beschäftigt, die riesigen Eismassen vom Wagen zu wuchten. Unser Guide läuft von Stand zu Stand und zaubert immer neue, uns völlig unidentifzierbare “Köstlichkeiten” von den Verkäufern hervor. Wir probieren dann der Reihe nach, mindestens leicht verstört, die Speisen und fragen uns direkt wie wir weitere Kostproben vermeiden könnten. Vorbei an gebratenen Vögeln, lebenden Krabben und anderem Krabbelgetier geht es für uns weiter durch die dichte Menschenmasse. Ein Zwischenstopp in einer Schmiede macht uns deutlich, wie viel Handarbeit hier jeden Tag notwendig ist um Klingen, Scharniere und ähnliche Bauteile wieder in Form zu bringen. Während ich noch überlege wohin ich den Rest fritierten Irgendwas unauffällig beseitigen kann drückt mir unser Guide schon die nächste “local specialty” in die Hand. Nachdem ich längere Zeit versuche meinen Mund aufzumachen um ich bei ihm zu bedanken, meine Zähne kleben noch voller Irgendetwasanderem, gebe ich schließlich auf und ergebe mich meinem Schicksal. Unser Guide, angespornt von meinem gequälten Lächeln, verhandelt schon wieder heftig mit der Verkäuferin um die Nächste Kostprobe

Nach einigen heftigen Minuten auf dem Markt retten wir uns schließlich wieder ins Rormok und düsen auch schon weiter. Ich bilde mir ein mein grummelnder Magen sei nur auf die ruckelige Fahrt zurückzuführen und habe nichts mit den “Bohnen” zu tun die er zuvor bekommen hatte und wir kommen auch schon am nächsten Stopp an. Ein Denkmal an den Khmer Rouge Genozid. Wir spazieren um die mit Schädeln der Opfer gefüllte Stele herum und lassen uns von unserem Fahrer in brüchigem Englisch die Geschichte der Khmer Rouge erzählen. Irgendwie ist das Denkmal aber auch ziemlich befremdlich für uns, immerhin zeigt es sehr explizite Folterdarstellungen und beschreibt, wie vermeintlich alle Khmer Rouge-Anhänger auch Kannibalen gewesen seien. Es erinnert an die Propaganda im ersten Weltkrieg die es auch nicht scheute, jede denkbare Gräueltat dem Gegner anzulasten. Sicher, die Zeit der roten Khmer, eines kommunistischen Regimes das durch fatale Misswirtschaft, völlig verblendete Weltbilder und brutale Massenmorde Millionen Khmer in den Tod getrieben hat war extrem lethal. Millionen wurden in den Hungertod getrieben, durch die Paranoia des Regimes gefoltert und getötet, aber wie eine lückenlosen Aufklärung wirkt dieses Denkmal nicht. Keine 10 Menschen wurden im Nachhinein von Gerichten verurteilt, auch weil die darauffolgenden Jahre nie eine klare politische Linie gezogen wurde. Aber von einer Horde kannibalistischer Massenfolterer zu erzählen, die keine Menschlichkeit kannten hilft da vermutlich auch nicht, Transparenz zu schaffen.

Das buddhistische Kloster nebenan ist dann wiederum Grund für einige interessante, wenn auch teilweise durch brüchiges Englisch nur schwer verständliche, Einblicke in die Institution Kloster gut. Die Kloster sind verantwortlich für die Feuerbestattungen in der Gemeinde. Dabei gibt es zwei Optionen, entweder eine teure Privatbefeuerung oder eine öffentliche Verbrennung die aber meist nur noch bei Armen und Obdachlosen genutzt wird. Es ist wohl auch so, dass trauernde Familien mindestens eine Person für mehrere Wochen in ein Kloster schicken um für das Seelenheil der betrauerten zu beten. Die hohen Eintrittsgebühren und die von Tür zu Tür laufenden Mönche auf der Suche nach “freiwilligen Abgaben” der Bevölkerung sind wohl eine wichtige Finanzierungsgrundlage für die Zentren kitschigen Buddha-Personenkultes. Aber, durch billige Arbeitskraft bereichert, ist man sich hier auch nicht zu schade Reis im Klosterinnenhof zu trocknen, wobei jeden Tag barfüßige Mönche neue Rillen durch die weiten halbtrockenen Reisbahnen ziehen müssen. Wir können nur hoffen, dass trotz all der Arbeit noch genug Zeit bleibt, Buddha in einer seiner 6 Erscheinungsformen zu ehren.

Und weiter ging es schon mit unserer Tour zu einer Reihe Kleinstbetriebe im Näheren Umfeld. Wir besuchten eine “Fabrik” in der den ganzen Tag Reispapier hergestellt wird. Das ist das Papier das bei Sommerrollen, ja die, die man immer aus Versehen bestellt wenn man Frühlingsrollen möchte, benötigt. Irgendwie wird dort ein Reisbrei hergestellt, der dann über von Reishüllen-Feuer beheiztem Wasser auf eine konische Fläche gelegt und bedampft wird. Am Ende entsteht so dann eine hauchdünne Papier-Scheibe die ein paar Minuten in der brühtenden Sonne getrocknet wird. Direkt nebenan werden Bananen-Snacks hergestellt. Eine Frau sitzt auf einem Hocker vor einem riesigen Haufen Bananen aller Geschmacksrichtungen und schneidet möglichst dünne Scheiben ab. Diese werden dann auf einem Bambus-Tablett aneinandergereiht und trocknen ebenso in der Sonne.

Die nächste Industrieanlage befasst sich mit Reiswein. Ein klares Gesöff, dass seinen Namen eigentlich überhaupt nicht gerecht wird. Es schmeckt weder intensiv nach Reis noch ist es Wein. Vielmehr entsteht dort ein 40 prozentiger Schnapps der im besten Fall nach nichts schmeckt. Im schlechtesten Fall erwischt man eine Charge die mit eingelegter Schlange angereichert ist “Für die Fruchtbarkeit des Mannes”. Nachdem ich versicherte ich sei ganz bestimmt schon fruchtbar genug erklärte uns der Besitzer seine Arbeitsprozesse. Mit eigener Hefe, erzählt er mit von Stolz geprahlter Brust, arbeite er hier. Währenddessen springt zwischen den Plastikeimern in denen die Hefe verschiedenste Gärungsprozesse durchläuft sein kleiner Sohn auf und ab und versucht, uns von der außergewöhnlichen Sprunghaftigkeit seines Balles zu überzeugen. Etwas abgelenkt bekomme ich nicht so richtig mit, wie der Reis am Ende zum Schnaps wird, aber es hat irgendetwas mit Hefe, Feuer, Wasser und Dampf zu tun. Ich versuche währenddessen immer mehr Distanz zwischen mich und der Schlangen-Flasche zu bekommen. Wenigstens ist mein Magen wieder desinfiziert, sagt mir Maren lächelnd.

Nach einem wirklich schrecklichen Ausflug zu einer Krokodilfarm, die armen Tiere hatten noch weniger Platz als ein Schwein in einem Masttierbetrieb in Deutschland, machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp bei einer Pilzfarm. Im Prinzip kann man sich das vorstellen wie eine an Holzpfosten befestige Plane schimmelnder Anzuchtmasse. Die Pilze dürfen ja nicht zu viel Sonne und nicht zu wenig Flüssigkeit bekommen. Ich hatte zuvor noch nie über die massenhafte Produktion von Pilzen nachgedacht aber irgendwie scheint mir das Konzept schlüssig. Nur so ganz hygienisch wirkt es auf der anderen Seite auch nicht für mehrere Jahre eine halbfeuchte Sammlung an Schimmelpilzen zu züchten.

Am Abend wurden wir dann von unserem Fahrer zum Sonnenuntergang zu einer Höhle voller Fledermäuse gefahren. Ein Naturschauspiel ereignet sich hier jeden Abend aufs Neue, wenn die 6 Millionen Mäuse in einer Schlange bis zu 30 Minuten lang aus der Höhle fliegen um sich am nahegelegenen See ein wenig Futter in den kleinen Rachen zu werfen. Nur das gelegentliche Klatschen unseres Guides, die Fledermaus-Schlange schreckt dann für einen kurzen Moment in alle Seiten auseinander, und die Hochzeitsmusik am Fuß des Hügels störten den romantischen Abschluss eines Tages, der so viel mehr mit sich brachte als wir angenommen hatten. Die Sonne verschwand mit wummerndem Bass, schrillem Gesang und gelegentlichem Klatschen hinter dem Horizont und wir machten uns auf unseren Heimweg. Ein neuer Tag erwartete uns, ein weiterer Tag erwartete die Khmer und die Uhr wurde wieder auf Null gestellt.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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