Ein Baum, ein Tal und einhundert Eindrücke

Mexiko ·   ·  6 min zu lesen

Du fragst dich vielleicht warum die zwei immer noch in Mexiko sind. Haben wir nicht insgesamt nur 6-7 Monate in Lateinamerika? Ist es da gerechtfertigt, so lange in einem Land zu verbleiben? Natürlich haben wir uns das auch schon gefragt, aber dabei wird man wohl diesem diesem wundervollen Landstrich nicht so wirklich gerecht. Mexiko ist nicht einfach nur ein Land mit einer einheitlichen Sprache, einer Landschaftsform und vielen Tacos. Nein, Mexiko ist viel eher eine explosive Mischung in so vielen Perspektiven. In Mexiko gibt es über 20 Landessprachen, Berge und Strände, Ruinen aus jeder Zeit der Geschichtsschreibung und einfach viel zu viel zu entdecken. Und der Ort, an dem dies wohl am Besten klar wird ist Oaxaca [Oahaka]. Gelegen im zentralen Tal von Oaxaca, südlich von Mexiko Stadt, gibt es hier an Kultur, Natur, Geschichte und natürlich leckeren Speisen so ziemlich alles, was uns in Mexiko hält. Ich versuche nun in ein paar Episoden von unserer Zeit in Oaxaca zu berichten. Ein Unterfangen, das wohl schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist, zu viel gab es zu sehen, zu viel zu erleben.

Am besten Fange ich wohl mit dem Essen an, denn ohne einen wohlgefüllten Magen lässt sich auch ein noch so spannender Ort nur schwerlich begreifen. Oaxaca gilt als Hauptstadt der mexikanischen Küche. Es gibt hier natürlich Tacos in Hülle und Fülle, aber das gibt es auch sonst überall in Mexiko. Hier gibt es jedoch auch jede Menge Memelas, die ureigene Mole und unzählige uns unbekannten Streetfood auf den lokalen Märkten. Im wuseligen Treiben des Markts kann man Tejate, ein Getränk aus der Kakaoblüte, Horchata und auch das ein oder andere gebratene Insekt frisch auf die Hand genießen. Steckt einem mal ein Grashüpferbein zu weit im Rachen kann man dieses einfach mit einem der zig lokal gebrannten Mezcals runterschlürfen, denn die Umgebung im Tal von Oaxaca ist voll von großen Agaven-Plantagen aus dem diese dem Tequila sehr verwandte Spirituose gewonnen wird. Schon seit Jahrtausenden haben hier die Zapoteken und später die Mixteken, zwei weitere Hochkulturen Mexikos, den fruchtbaren Boden genutzt um sich nach Lust und Laune zu betrinken. Nicht ohne Grund sagt man über die Oaxaquenos sie seien klein, freundlich und ein bisschen dick. Bei so einem Essen ginge es mir wahrscheinlich ebenso.

Gelingt es einem, mal ein paar Kilometer aus dem Stadtzentrum hinauszufahren bietet Oaxaca zudem einen spannenden Mix aus Natur und Kulturerfahrungen. Nicht das hier, wie schon erwähnt, einst die Mixteken ihr Unwesen trieben und die ein oder andere Palastanlage an uns Besucher überlassen haben, nein, es gibt hier sogar noch eine der beeindruckendsten Ruinen in ganz Mexiko, von einer Kultur, die wohl den wenigsten ein Begriff wäre. Denn die Zapoteken, anders als ihre etwas weniger gut organisierten mixtekischen Nachkommen, begnügten sich nicht mit ein paar kleinen aber feinen Palästen. Sie wählten stattdessen einen Berg als ihre Hauptstadt, flachten diesen um sicher 50-60 Meter ab um genug Baufläche zu bekommen, und bauten über mehrere Jahrhunderte hinweg eine Anlage auf die Spitze, die seinesgleichen höchstens in den Inkaruinen Macchu Picchus finden kann. Hoch über dem ohnehin schon hoch gelegenem Tal thronten sie, bauten Pyramiden und überwachten die frühzeitliche Handelsaktivität zwischen Mayas und den Kulturen des weiter nördlichen Mesoamerikas. Es muss schon eine beeindruckende Erfahrung gewesen sein, auf die majestätischen Pyramiden zu steigen und von dort hunderte Kilometer in die Zukunft schauen zu können. Auch heute verfehlt die Ruine von Monte Alban diese Impression nicht, und das, obwohl wir mit Dach und Krach in einem der selbstmörderischen Sammelbusse den Berg hinauffahren konnten und nicht, wie anno dazumal, zu Fuße. Nahezu als Beilage zu diesen Highlights unserer Reise servierte Oaxaca uns noch den breitesten Baum der Welt, ein riesiger, verknoteter Holzklotz voller Lebenskraft und Vogelgezwitscher.

Die besondere Kulturenvielfalt Oaxacas, in dessen Umgebung allein schon 17 verschiedene Sprachen gesprochen werden, bot sich uns aber vor allem bei einem Besuch des nahegelegenen Teotitlan del Valle. Nicht zu verwechseln mit Tenochtitlan oder Teotihuacan, beides Orte für eine spätere Erzählung, gibt es in Teotitlan vor allem Eines zu bestaunen. Die Webkunst. Das süße, ruhige Dörfchen hat sich im ganzen Kontinent einen Namen für die jahrhundertelange Handarbeit gemacht. Hier ist jedes zweite, nein, eigentlich jedes Haus auch gleichzeitig eine Weber-Werkstatt mit ein bis fünf hölzernen Webstühlen, lose an der Wand befestigten Wollbündeln und ein paar freundlich lächelnden Handwerkern. Dort gibt es Taschen, Teppiche und auch sonst jede Art der Webarbeit. All diese Jahrhunderte mühsamer Handarbeit hängen dann liebevoll an den Wänden drapiert ausgestellt, um bewundert und gekauft zu werden. Woauchimmer wir nach unserem Besuch in Teotitlan in Mexiko herumgereist sind, immer wieder begegneten uns die besonderen Muster und eindrücklichen Farben, die schon selbst eine kleine Geschichte wert wären. Immer wieder zauberte es uns im Nachhinein ein Lächeln auf die Lippen wenn wir an den unerwartetsten Straßenständen, in kleinen Boutiquen oder einfach nur am Flughafen die wundervoll gearbeiteten Farben Oaxacas wiedererkannten.

Besonders diese Farben sind etwas, das das ohnehin schon beeindruckende Teotitlan zu einer wahren Schatzgrube werden ließ. Denn vom Schaf zum Teppich wird hier alles per Hand gefertigt. Das Schaf wird irgendwo in den Bergen Oaxacas geschoren, denn die Ebene selbst ist eigentlich schon zu warm für das Ansammeln von ausreichend Wolle, und im Anschluss mit ein paar Handbürsten über Stunden hinweg bearbeitet bis es etwas weicher, handwärmender wird. Dann wird per Hand ein Faden auf einer Spindel gesponnen und im nächsten Schritt eines von 10 verschiedenen natürlichen Färbemitteln verwendet. Möchtest du ein ruhiges Braun dann werden Walnussschalen zerrieben, für ein warmes gelb nutzen sie Blütenblätter, das Blau wird aus dem wertvollen Indigo hergestellt und das knallige Rot und Violett entsteht aus den Blattläusen auf den umliegenden Kakteen. Ist dann eine Farbe ausgewählt und die Wolle entsprechend gefärbt bleibt “nur noch” das eigentliche Weben des Teppichs. Für anderthalb Meter sind das dann nochmal ungefähr 6 Wochen am Webstuhl. Ihr könnt euch also ausmalen was für Kunstwerke diese Teppiche sein müssen, was für eine unglaubliche Arbeit ein solches Stück mit sich bringt ist doch in europäischen Maßstäben kaum vorstellbar.

So. Genug der Schwärmerei von Oaxaca. Dieser Ort ist für uns die wohl eindrücklichste Erklärung für unsere lange Zeit in Mexiko, diese Kulturenvielfalt, diese Hingabe zu Musik, Kunst und Kultur haben wir andernorts nur schwerlich gefunden. Als wir Oaxaca nach einigen wundervollen Tagen wieder verlassen mussten wurden unsere Herzen schwerer, und das sicher nicht nur weil auch unser Rucksack durch den neuen Teppich das ein oder andere Kilo gewonnen hatte. Oaxaca bedeutet für uns von nun an Leidenschaft, Faszination und jede Menge neue Erinnerungen an Menschen, Kunst und prall gefüllte Mägen.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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