Die Straße wird langsam voller, die Sonne versinkt am Horizont und einer unserer stehenden Nachbarn versucht verzweifelt, sein Smartphone mit einem Klebeband an einer erhöhten Stelle an eine Laterne zu kleben. Er möchte auch ja alles im Detail filmen und befürchtet, selbst keinen guten Sichtplatz mehr bekommen zu haben. Die Menschenmenge wartet angespannt, so manch einer versucht aus einer erhöhten Position einen Blick auf das Straßenende zu erhaschen, aber noch tut sich nichts da vorne und wir harren weiter geduldig aus. Neidisch betrachten einige die Zuschauer auf den erhöhten Anwohner-Balkonen die vermutlich eine perfekte Sicht haben werden und so manch ein Tourist scheint es geschafft zu haben einen Platz in einer dieser VIP-Wohnungen zu erkaufen. Aber am Ende wird es sicher keinen großen Unterschied machen, und außerdem: Wir sind dann ja zumindest hautnah dabei!
Ein paar Stunden vorher: Maren und ich wandern durch die größte Stadt Asiens. Wir sind nun schon ein paar Tage in Tokyo unterwegs aber die Stadt bereitet jeden Tag etwas neues für uns vor, überrascht uns immer wieder. Da war zum Beispiel die weltberühmte Shibuya-Kreuzung. Die Kreuzung, an der weltweit jeden Tag die meisten Menschen zu ihren Arbeitsplätzen wuseln. Naja, vielleicht sind es auch nur ein paar wenige Arbeitspendler und viel mehr begeisterte Touristen die mit dem Handy vor ihrem Gesicht auf das grüne Männchen warten um dann mit den unzähligen anderen Touristen über einen der 3 Zebrastreifen zu rennen und sich selbst dabei zu inszenieren. An einem anderen Tag besuchten wir das Manga / Animeviertel der Stadt. Ein Bezirk, in dem die Hälfte der mehrstöckigen Shops aus Mangas, Zeichentrickfilme, Sammelfiguren oder Plastikkugel-Automaten besteht. Da wanderten wir dann durch ganze Etagen voller Hentai-Heftchen (Tipp: Was das genau ist würde ich nicht am Arbeitsplatz recherchieren) oder Kostümregale mit allen möglichen grell-fröhlichen Verkleidungen. Den Zugang zu diesen Automaten haben wir aber noch heute nicht verstanden. Das sind dann ganze Shops, die nichts anderes haben als einen Plastikkugel-Automaten an den nächsten gereiht. Für eine 100 Yen-Münze gibt es dann zufällig eine von 10 Plastikfigürchen, wie im Ü-Ei von damals. Jeder Automat hat ein anderes Thema und die Auswahl an Themen ist unbegrenzt. Da gibt es Miniatur-Möbel von Ikea, Sammelfiguren für jedes Videospiel, Sticker oder Kabel-Sets. Manche haben sogar Plastikmilben, Urzeit-Tierchen oder Minatur-Plastikkugelautomaten zu erhoffen.
Die andere Hälfte der Shops besteht aus Cafes. Am Anfang haben wir uns noch gefragt was die vielen leicht bekleideten jungen Frauen in Bedienstetenröcken am Straßenrand machen bis wir uns letztlich trauten, eine von ihnen anzusprechen. Sie mache Werbung, sagte sie uns in gebrochenem Englisch, für ein Maid-Cafe. Ein Ort, an dem sich die Gäste für einen happigen Eintrittspreis von den Dienstmädchen verwöhnen lassen können. Da geht es aber nicht um Sex, denn Körperkontakt ist strengstens verboten, sondern eher um die Erfahrung einer süßen Manga-Bediensteten während man sein Matcha-Eis schleckt. Uns war das schon rein moralisch ein bisschen suspekt und nebenbei gesagt auch einfach zu teuer. Die anderen Restaurants sind irgendwelche Tier-Cafes in denen die Gäste mit einer bis zwei Tierarten zusammen ihre Zeit verbringen. Die klassischen Katzen-Cafes sind dir ja vielleicht schon ein Begriff, aber kannst du dir vorstellen was ein Otter-Cafe ist und wie dort für eine artgerechte Haltung gesorgt wird? Ich nicht.
Die restlichen Tage in Tokyo verbrachten wir hauptsächlich in den zahlreichen, außergewöhnlich gut ausgestatteten Museen der Stadt. Wir besuchten ein Design-Museum gebaut von Tadao Ando, ein Geschichtsmuseum, eins zu dem bekannten japanischen Künstler Hokusai (Der mit der Welle), eins zur artgenössischen Kunst, zu Salz und Pfeffer, und, und, und. Wenn man in Tokyo versuchen würde, in alle Kunstmuseen zu gehen die es dort gibt wäre man vermutlich am Ende so lange beschäftigt, dass man schon mit der neuen Ausstellung des ersten Museums anfangen könnte. Es gibt moderne Kunst zum Anfassen wie das beliebte Teamlab Planets, in dem wir barfuß durch Wasserinstallationen wateten und unter einem hängendem Orchideen-Dach entspannten. Nebenbei gibt es natürlich auch viel für den geschichtsinteressierten Besucher und wir merkten schon dort, wie wenig wir oft in anderen Ländern über die Lokalgeschichte und die Kultur erfuhren, denn in Japan wurde daran in den letzten 100 Jahren nicht gespart. Genau diese hautnahe Kulturerfahrung hatten wir auch heute gesucht. Am Tag des XXX-Festivals.














