Die Stadt der Gegensätze

Japan ·   ·  7 min zu lesen

Die Straße wird langsam voller, die Sonne versinkt am Horizont und einer unserer stehenden Nachbarn versucht verzweifelt, sein Smartphone mit einem Klebeband an einer erhöhten Stelle an eine Laterne zu kleben. Er möchte auch ja alles im Detail filmen und befürchtet, selbst keinen guten Sichtplatz mehr bekommen zu haben. Die Menschenmenge wartet angespannt, so manch einer versucht aus einer erhöhten Position einen Blick auf das Straßenende zu erhaschen, aber noch tut sich nichts da vorne und wir harren weiter geduldig aus. Neidisch betrachten einige die Zuschauer auf den erhöhten Anwohner-Balkonen die vermutlich eine perfekte Sicht haben werden und so manch ein Tourist scheint es geschafft zu haben einen Platz in einer dieser VIP-Wohnungen zu erkaufen. Aber am Ende wird es sicher keinen großen Unterschied machen, und außerdem: Wir sind dann ja zumindest hautnah dabei!

Ein paar Stunden vorher: Maren und ich wandern durch die größte Stadt Asiens. Wir sind nun schon ein paar Tage in Tokyo unterwegs aber die Stadt bereitet jeden Tag etwas neues für uns vor, überrascht uns immer wieder. Da war zum Beispiel die weltberühmte Shibuya-Kreuzung. Die Kreuzung, an der weltweit jeden Tag die meisten Menschen zu ihren Arbeitsplätzen wuseln. Naja, vielleicht sind es auch nur ein paar wenige Arbeitspendler und viel mehr begeisterte Touristen die mit dem Handy vor ihrem Gesicht auf das grüne Männchen warten um dann mit den unzähligen anderen Touristen über einen der 3 Zebrastreifen zu rennen und sich selbst dabei zu inszenieren. An einem anderen Tag besuchten wir das Manga / Animeviertel der Stadt. Ein Bezirk, in dem die Hälfte der mehrstöckigen Shops aus Mangas, Zeichentrickfilme, Sammelfiguren oder Plastikkugel-Automaten besteht. Da wanderten wir dann durch ganze Etagen voller Hentai-Heftchen (Tipp: Was das genau ist würde ich nicht am Arbeitsplatz recherchieren) oder Kostümregale mit allen möglichen grell-fröhlichen Verkleidungen. Den Zugang zu diesen Automaten haben wir aber noch heute nicht verstanden. Das sind dann ganze Shops, die nichts anderes haben als einen Plastikkugel-Automaten an den nächsten gereiht. Für eine 100 Yen-Münze gibt es dann zufällig eine von 10 Plastikfigürchen, wie im Ü-Ei von damals. Jeder Automat hat ein anderes Thema und die Auswahl an Themen ist unbegrenzt. Da gibt es Miniatur-Möbel von Ikea, Sammelfiguren für jedes Videospiel, Sticker oder Kabel-Sets. Manche haben sogar Plastikmilben, Urzeit-Tierchen oder Minatur-Plastikkugelautomaten zu erhoffen.

Die andere Hälfte der Shops besteht aus Cafes. Am Anfang haben wir uns noch gefragt was die vielen leicht bekleideten jungen Frauen in Bedienstetenröcken am Straßenrand machen bis wir uns letztlich trauten, eine von ihnen anzusprechen. Sie mache Werbung, sagte sie uns in gebrochenem Englisch, für ein Maid-Cafe. Ein Ort, an dem sich die Gäste für einen happigen Eintrittspreis von den Dienstmädchen verwöhnen lassen können. Da geht es aber nicht um Sex, denn Körperkontakt ist strengstens verboten, sondern eher um die Erfahrung einer süßen Manga-Bediensteten während man sein Matcha-Eis schleckt. Uns war das schon rein moralisch ein bisschen suspekt und nebenbei gesagt auch einfach zu teuer. Die anderen Restaurants sind irgendwelche Tier-Cafes in denen die Gäste mit einer bis zwei Tierarten zusammen ihre Zeit verbringen. Die klassischen Katzen-Cafes sind dir ja vielleicht schon ein Begriff, aber kannst du dir vorstellen was ein Otter-Cafe ist und wie dort für eine artgerechte Haltung gesorgt wird? Ich nicht.

Die restlichen Tage in Tokyo verbrachten wir hauptsächlich in den zahlreichen, außergewöhnlich gut ausgestatteten Museen der Stadt. Wir besuchten ein Design-Museum gebaut von Tadao Ando, ein Geschichtsmuseum, eins zu dem bekannten japanischen Künstler Hokusai (Der mit der Welle), eins zur artgenössischen Kunst, zu Salz und Pfeffer, und, und, und. Wenn man in Tokyo versuchen würde, in alle Kunstmuseen zu gehen die es dort gibt wäre man vermutlich am Ende so lange beschäftigt, dass man schon mit der neuen Ausstellung des ersten Museums anfangen könnte. Es gibt moderne Kunst zum Anfassen wie das beliebte Teamlab Planets, in dem wir barfuß durch Wasserinstallationen wateten und unter einem hängendem Orchideen-Dach entspannten. Nebenbei gibt es natürlich auch viel für den geschichtsinteressierten Besucher und wir merkten schon dort, wie wenig wir oft in anderen Ländern über die Lokalgeschichte und die Kultur erfuhren, denn in Japan wurde daran in den letzten 100 Jahren nicht gespart. Genau diese hautnahe Kulturerfahrung hatten wir auch heute gesucht. Am Tag des XXX-Festivals.

Am Mittag hatten wir schon eine Prozession besucht, bei der ein tonnenschwerer Schrein von halbnackten Männern durch die Stadt getragen wurde. Ja, das ist der Kontrast den nur eine moderne Stadt wie Tokyo uns liefern konnte. An der einen Ecke stehen Videospiel-Sammelfiguren der technischen Zukunft und an der nächsten warten hunderte Männer in Unterhose (Ich hoffe zumindest das sie eine anhatten) und warten darauf, den uralten Shinto-Schrein von A nach B zu tragen und dabei hoffentlich nicht erdrückt zu werden. Angeführt wurde die Prozession von einem Trio noch älterer Herrschaften die in einem schrulligen Wagen auf vor ihn stehenden Trommeln einschlugen. Woimmer sie hinkamen wurde es ziemlich hitzig denn es sah ganz danach aus, als ob die Gruppe den Schrein nur so mittelmäßig unter Kontrolle hatte. Kein Wunder bei dessen Gewicht, aber ein wenig beängstigend wenn man gleichzeitig versucht ein nettes Photo von der Aktion zu machen und nicht überrannt werden möchte. Der Schrein torkelte also mal nach links, mal nach rechts, mal zurück und ab und zu auch ein paar Meter in die richtige Richtung. Am Ende wurde der tragbare Schrein aber dann doch erfolgreich in einem Tempel geparkt und alle feierten noch alle Gliedmaßen beisammen zu haben.

Doch jetzt kommen wir endlich wieder zum aktuellen Abend. Wir hatten gehört, dass am Abend eine noch viel wichtigere Prozession stattfinden würde und die wollten wir natürlich nicht verpassen. Also nichts wie hin, gerade noch rechtzeitig eine Stunde vor der angekündigten Ankunft der Prozession, und geduldig auf die Feier warten. Leider schien sich die Prozession, ganz untypisch für Japan, ein bisschen zu verspäten und je länger wir warteten desto enger wurde unser Stehplatz. Immer mehr Menschen strömten an die Straßenränder, immer mehr Kameras versuchten sich an uns vorbeizuzwängen und als dann der erste dumpfe Trommelschlag in der Ferne zu hören war vervielfältigte sich dieser Druck noch einmal. Noch ein Trommelschlag, ein dritter und die Menge rückte immer näher an die verzweifelt blickenden Polizisten die eine menschliche Barriere bildeten. Nach ein paar weiteren Minuten kam er dann auch, der tragbare, tonnenschwere Shinto-Schrein, diesmal umringt von noch viel mehr halbnackten Männern und Laternenträgern. Aber war das nicht genau der gleiche Schrein wie am Mittag? Er sah diesem zumindest zum Verwechseln ähnlich. Nur dieses Mal schien er noch schwerer zu kontrollieren, zumindest schwankte dieser hier noch öfter von einer Seite zur nächsten, von vorne nach hinten. Als wir dem chaotischen Treiben vielleicht eine halbe Stunde zusahen und der Schrein endlich auf unserer Höhe war hatte die Aktion aber irgendwie ihre Magie verloren. Immer mehr Menschen drängten sich zum Schrein, immer mehr verzweifelte Polizisten versuchten Platz zu schaffen und immer mehr Handys stopften sich unter unseren Armen hin zum Geschehen. Wir entschieden, den Schrein Schrein sein zu lassen und machten uns langsam wieder in Richtung unserer kleinen japanischen Wohnung auf. Die Lichter hinter uns glänzten und blinkten noch einmal zum Abschied hell auf, ein paar nackte Beine zeigten uns den Weg zur nächsten Metro-Station und wir fielen letztlich müde in unser hartes Bett.

Tokyo ist ein aufregendes Pflaster. Es ist groß, bunt und grell, aber auch andächtig, alt und gemütlich. Für uns war es ein wunderbarer Auftakt in eine unglaublich interessante Kultur, in ein Land voller Geheimnisse und bot uns damit ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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