Wenn man nach Kambodscha reist gibt es reiche Kulturgüter wie Angkor Wat, wunderschöne Inseln im Süden und viele nette Menschen die einen aufs herzlichste willkommen heißen. Aber in jeder Ecke Kambodschas klaffen auch riesige Löcher die es in anderen Ländern Asiens so nicht gibt. Es gibt nur eine kleine Auswahl an Khmer-Gerichten, es gibt wenig alte Menschen, weniger buddhistische Mönche als in Thailand und auch sonst wenig mittelalte Gebäude. Das alles sind Löcher, die durch einen schrecklichen gemeinsamen Nenner zu erklären sind: Die roten Khmer. Falls du noch nie von den roten Khmer gehört hast dann sind die nächsten Absätze eine Lektüre-Pflicht, denn ohne diesen historischen Background lässt sich das moderne Kambodscha nur teilweise begreifen.
Alles was ich in meinem Geschichtsunterricht über Asien im 20. Jahrhundert gelernt habe beschränkt sich auf Folgendes: Indien schickte als Kolonie Großbritanniens Unterstützung im ersten und zweiten Weltkrieg, Japan war Achsenmacht und wurde von den USA mit einer Atombombe besiegt und dann gab es noch 2 Stellvertreterkriege in Korea und Vietnam, während dem kalten Krieg. Und sicher, mir war klar dass die Amerikaner nicht gerade mit Samthandschuhen in Vietnam gekämpft haben, aber dass am Ende dieses brutalen Krieges die Amerikaner auch 100.000 Tonnen Bomben auf Kambodscha und Laos abgeworfen hatten, einfach um versteckte Vietcong Kämpfer zu töten, war mir nicht bewusst. Infolge dieses verheerendes Massenmordes, der vor Allem auch die arme Bevölkerung Kambodscha’s empfindlich traf, war der Nährboden für kommunistisches Gedankengut in Zeiten des Ideologien-Wahnsinns gelegt.
Unter Anderem auch von China unterstützt entwickelte sich in den 70er Jahren ein Bürgerkrieg zwischen den von Pol Pot geführten Kommunisten, den roten Khmer, und der alten Regierung Kambodschas. Als 1975 Pot an die Macht kam geschah dies vermutlich mit Gunsten der meisten Khmer, die Hoffnung auf einen Wechsel hin zum Besseren ohne Hunger und Leid war groß. Pot versprach einen gesellschaftlichen Umbruch, versprach die Gleichbehandlung aller “Klassen” wie es eben die ersteinmal verlockende Versprechung des Kommunismus ist. Doch schon in den ersten Tagen des Machtwechsels wurde klar, dass Pot und seine Regierung ein Ideal anstrebten, das nichts mit realistischer Gesellschaftsstruktur zu tun hatte.
Innerhalb weniger Tage wurden alle Städte Kambodschas unter falschen Tatsachen evakuiert. Mit aller Kraft versuchten die roten Khmer das Land zurück zu einer “ehrlichen” Agrargesellschaft umzuformen. Alle Stadtbewohner wurden aufs Land umgesiedelt, jeder der im rote Khmer-Sprech sogenannter “neuer Mensch” war, also zum Beispiel studiert hatte, Büroarbeit erledigte oder einfach nur eine Brille trug wurde systematisch unterdrückt und musste um sein Leben fürchten. Jegliche Maschinen, auch in der Landwirtschaft, wurden zerstört und die ganze Arbeit musste wieder in mühsamster Handarbeit erledigt werden. Die Khmer waren der Auffassung, dass nur Reisbauern ehrlicher Arbeit nachgingen und richteten reine Bauern-Kommunen ein um den Reisertrag massiv zu steigern, was fatal scheiterte. Sie unterdrückten jegliche Kommunikation wie Telefonie und Post und untersagten jegliche Bildung aufs Bitterste. Auch Kulturgüter der Khmer wie religiöse Tempel und Speisen wurden verboten.
Mit der Zeit wurde das Regime immer paranoider. Gnadenlos wurden Menschen jeglicher Minderheit verfolgt, gefoltert und getötet. Es gab im ganzen Land Folteranstalten wie jene, die wir in Phnom Penh besuchten. Hierhin wurden Verdächtige verschleppt und unter massiver Gewalt zu Geständnissen erzwungen. Die roten Khmer waren der Auffassung, dass bei Verhören mit genug Gewalt und Schmerz die Wahrheit ans Licht käme, eine fatale Fehleinschätzung. Die Paranoia der Führung ging so weit, dass letzten Endes sogar mehr Parteimitglieder als Parteilose getötet wurden. Durch die Misswirtschaft im Land und die heftige Verfolgung jeder anderen Arbeit litt die ganze Bevölkerung an Hunger. Am Ende starben ca. 20% der kompletten Bevölkerung entweder direkt oder indirekt an den Folgen der Khmer Herrschaft. Dass es aufgrund der Verfolgung von Akademikern auch keine Mediziner oder Ingenieure gab verschärfte die Lage natürlich zusätzlich.
Die Vietnamesen, die 1979 das Land befreiten fanden eine zerstörte Kultur, ein heruntergewirtschaftetes Land und eine traumatisierte Gesellschaft vor. Pol Pot selbst entkam der Rechtssprechung und wurde von den westlichen Nationen sogar noch im Exil für mehrere Jahre als Führer Kambodschas anerkannt, eine beschämende Vorstellung die durch den kalten Krieg erst möglich war. Insgesamt wurden für die gesamte Zeit der roten Khmer nur 3 Personen zu Haftstrafen verurteilt, einerseits weil es bis in die 90er Jahre noch einen weiterlaufenden Bürgerkrieg mit den im Exil lebenden roten Khmer gab, andererseits weil eine Schuldzuschreibung besonders der niederen Parteikader nicht so einfach ist. Oft wurden auch Junge Menschen aus einfachen Haushalten rekrutiert und in der menschenverachtenden Ideologie gedrillt. Wo zieht man da die Schuldlinie? Immerhin waren sie selbst meist selbst einer enormen Gefahr um ihr Leben ausgesetzt, am Ende waren 2/3 aller Khmer tot.
Auch heutzutage lässt sich selbst für Touristen ein Teil der Verwüstung des Landes erahnen. Zum Beispiel wenn es um die Natur in Kambodscha geht. Niemand traut sich mehr die Wälder oder unbewohnten Gebiete zu betreten, denn alles ist möglicherweise noch vermint. Wir haben in Siem Reap eine NGO besucht die versuchte, mit Ratten Personen und Fahrzeugminen in potenziell verminten Gebieten ausfindig zu machen. Ein aufgrund des riesigen Geländes schrecklich langwieriges Unterfangen. Wir können uns eigentlich kaum vorstellen wie brutal es sein muss, immer mit der Gefahr zu leben, möglicherweise in eine Mine zu treten. Auch Kinder können so auf keinen Fall im Wald herumtoben, so gefährlich ist auch heute noch die drohende Gefahr einer Explosion. 77 Unfälle gab es zum Beispiel 2019. Die Minenopfer-Orchester in denen eine Gruppe Opfer Musik machen um ihren Lebensunterhalt zu verdienen spielen ein weiteres Lied dieser Katastrophe.
Für uns ist es immer wieder bestürzend wie wenig wir in Europa von der Geschichte außerhalb unseres Heimatkontinents wissen. Wie kann es sein, dass wir von einem solchen Genozid noch nie gehört haben? Ein Volk wird durch einen völlig fehlgeleiteten Idealismus in den Tod getrieben und wir halten es noch nicht mal für notwendig diese Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, dass die Khmer irgendwann ihr Staatstrauma überwunden haben und die Kraft gefunden wird, neue Gerichte, neue Kloster und neue, glücklichere Geschichte zu schreiben. Was wir in diesem Land erlebt haben lässt uns das auf jeden Fall annehmen.





