“Guten Morgen, oh ehrenwerter Spurenleser. Seid Willkommen in unserem Lande, ich bin sicher euch wurde Speis und Trank schon gereichet. Was führt euch heute zu mir, oh Abenteurer aus dem fernen Westen?” sprach der Kämmerer an der Pforte zum Nationalpark die beiden Abenteurer aus dem fernen Westen unterwürfigst an. Mit einem kleinen Knicks betonte er weiterhin seine einladende Geste. Vielleicht ein Hauch zu viel, dachte sich Maren Mährentraum, als sie ein verschmitztes Lächeln im Mundwinkel der nebenstehenden Wache beobachtete. Doch sie ließ sich darauf ein und sprach aus voller Brust: “Seid gegrüßt. Wir sind heute hergekommen, um einen Auftrag unseres Königs, Olaf der Kahle, auszuführen. Er ersuchte uns, den Gerüchten nach Sichtungen wilder Katzen auf den Grund zu gehen. Diesen edlen Grund hat es, dem wir nun gründlich zum Grunde unseres Besuchs verlauten lassen können.” Gründlich irritiert vergewisserte sich der Kämmerer des Grundes seiner unerwarteten Besucher: “Also seid Ihr gekommen, um im Grünen Gras oder am Grunde des grauen Gewässers nach eines verschollenen Tieres Rufs zu suchen?”. “Ganz genau, oh du grundlegend genialer Geselle” schmeichelte Maren. “Also gewähret uns Eintritt in diesen Garten des Ganges, öffnet uns die Pforte, auf dass wir hinfort gehen können und eure Gründe früher Mühe nicht umsonst gewesen sein mögen”. Der Kämmerer grübelte kurz vor sich hin, gewiss war ihm die frühe Stund selbst schon aufgefallen, und missbilligend in seine Berechnungen zur Öffnung der Pforte eingeflossen. Doch als er das stolze Wappen des mächtgen Robin Rotbarsch bemerkte verflossen seine Zweifel in einen Fluss freudigen Frohlockens. Er erkannte seine Chance auf einen lachhaft überzogenen Lohn und ließ die beiden Abenteurer mit ihrer knatternden Kutsche ohne weitere gründliche Gewissensbisse passieren.
Da ritten sie nun vor sich hin, im aufkommenden Morgengrauen noch vor der Sonne erster Stund. So weit waren sie angereist, einen wilden Ritt auf einem Zweiräder während der Stunde der Eule. Genau jener Nachteule, um das noch einmal zu betonen, deren Blick sie schon nach wenigen Minuten im Parke habhaft wurden. Entspannt ruhte sie auf einem Zweige in Gesellschaft einer Gruppe mangelhaft mitteilsamer Makaken. Unter ihr lästerten gleich mehrere Hirsche hämisch über die hemmungslos gähnenden Heimatlosen auf hohem Stahlrosse. Mit ihren weißen Punkten und den weichen Spitznasen schienen sie völlig desinteressiert an derlei morgendlicher Jagdaktionen, routiniert ruhig rasteten sie am Rande der roten Piste und grasten gemütlich dem Sonnenaufgang entgegen. Doch die Abenteurer selbst hasteten weiter, denn die Morgenstund, so versprach ihr Fremdenführer ihnen großspurig, barg die größte Chance auf Katzen jeglicher Couleur. Sie fuhren also schnell weiter, vorbei an zahlreichen Wildbienen-Waben, Wild-suchenden Wagen und Waldwild-Kuhfladen.
An einer Biegung begegneten sie einer Reihe am Wegesrand geparkter Vierrad-Kutschen und erhaschten, nach einer kurzen Kutschenrempelei, einen Blick auf einen Wild-Fressenden Leoparden. Dieser schien schon seit einigen Tagen die verdiente Kost seines erlegten Rehs zu genießen und hatte, so erfuhren sie von ihrem Fremdenführer, die Angewohnheit gleich mehrere Tage hintereinander an den Ort seines Verbrechens gegen die Wildheit zu kommen. Ungestört von jeglicher als Streifenpolizei agierende Tiger-Visite war es ihm hier also erlaubt, oder zumindest geduldet, sein Festmahl in vollen Zügen zu genießen. Nur gestattete er, zum Verdruss der vielen mitinteressierten Gäste auf ihren hohen Kutschen, leider keinen direkten Blick auf sich selbst. Von dieser Arroganz leopardischen Gleichmuts irritiert machten sich die Abenteurer weiter auf die Suche nach noch größerem Getier.
Schon wenige hundert Meter weiter denn begann auch der Reisenden Glück nicht abzubrechen. Noch geblendet von der eben erfahrenen Erfahrung einer Wildkatze stoppten sie erneut an einer Biegung inmitten hohen Wildgrases aufgrund einer Gruppe rastender Reifenwagen. Und vor ihnen, zwischen den Lücken der Kutschen, erhaschten sie einen Blick, eigentlich sogar einige lange Minuten intensiver Blicke, auf eine entspannt liegende, königliche Tigerdame mitten auf dem Weg. Das flauschige Fell, die fetzigen Krallen eingefahren, die tiefen Blicke der Tigerdame brannte sich hier in die Gehirne der Abenteurer. Welch ein Glück ihnen heute zugekommen war, sie hatten einen Leoparden und dann direkt noch eine Tigerdame zu sehen bekommen. Nach ein paar Minuten angespannter Beobachtung vervielfältige sich ihr Glück, denn aus dem tiefen Gestrüpp gelben Grases sprang ein zweiter, diesmal jugendlicher, Tiger-Teenie auf der Suche nach seiner Mutter. Die Familie, glücklich vereint, genoss noch ein paar Momente die Aufmerksamkeit nur um dann, zur Freude der Abenteurer, aber zum Entsetzen der inländischen Reisenden, zu entscheiden genau in die Richtung der Kutschen weiterzulaufen. Die Kutscher versuchten eilig, den angestauten Kutschenstau nach hinten zu verlegen um den mäjestätischen Tieren Platz zu machen. Obwohl dies nur sehr schleppend gelang spazierte die Tigerdame völlig entspannt nur ein bis zwei Ellen am vordersten Wagen entlang und verschwand dann, zur Enttäuschung der Abenteurer und zur Erleichterung der Insassen der vordersten Kutsche, schnell wieder im dichten Gras.
Am weiteren Vormittag gelang es den Abenteurern sogar, mithilfe geduldigen Wartens und intelligenter Platzierung der Kutsche, die Tigerdame gleich mehrere Male zwischen den beschaulichen Bäumen, gemütlichen Gewässern und brühtend heißen Brutstätten verschiedenster Wildvögel zu entdecken. Immer wieder hörten sie zudem die Warnrufe der Rehe in der Ferne noch lange vor dem Blickkontakt mit dem königlichen Geschöpf. Zuverlässig manövrierte der Kutscher sie jedes Mal in Sichtweite mit der Tigerdame, den Motor ruhend beobachteten sie dann ehrfürchtig das Naturschauspiel wahrer Muskelkraft aus der Distanz heraus. Die beiden Abenteurer konnten ihr Glück kaum fassen. Es ward ihnen zu Beginn ihrer Reise noch versprochen, dass selbst eine einzige Sichtung eines Tigers ein außergewöhnliches Glück sei, denn auch wenn der Panna Nationalpark, den sie hier für ihren König zu besuchen hatten, mit diesen Tieren um Besuche warb, war er doch ein riesiges Gebiet schlecht überschaubaren Geländes. Hier kämen auf 50.000 Quadrat-Ellen gerade einmal 60 Tiger zusammen. Ein solches Geschöpf gleich mehrere Male zu entdecken und zusätzlich auch Leoparden und andere seltene Tiere zu sehen glich einem Wunder.
Als die Sonnen nun ihren Zenit erreichte trafen die Abenteurer denn auch völlig erschöpft wieder an der Eingangspforte ein. Sie sollten noch lange unter dem Eindruck dieser Reise stehen, selbst in ihren weniger wilden Träumen erschien fortan eine Tigerdame vor ihren inneren Augen. Ihrem König hatten sie so einiges zu berichten, doch würde ihnen auch nur einer am heimatlichen Hofe die Wertschätzung entgegenbringen, die einen solchen Entdeckung angemessen war? Würde ihnen überhaupt eine Menschenseele glauben, was sie da an jenem Tage entdeckt hatten? Erschöpft und glückselig stiegen sie auf ihr von der schonungslosen Sonne vorgewärmtes Reittier und düsten dahin. Immer wieder lugten Leoparden von den Bäumen am Straßenrand, an jeder Kreuzung wartete eine Tigerdame auf sie und als sie zuhause ankamen ruhte über ihrer Schlafstatt die Eule und begrüßte sie in einen tiefen, tigervollen Tagtraum.





