Der göttliche Wind

Japan ·   ·  5 min zu lesen

Kamakura ist ein Dorf. Hier steht das eigene Auto noch vor der Einfahrt, man hat seinen privaten Garten und man grüßt sich auf der Straße. Naja, zumindest grüßt man die anderen Bewohner, Ausländer werden im besten Fall skeptisch ignoriert, viel öfter aber möglichst schnell umgangen um auch ja nicht die Gefahr eines Gesprächs aufkommen zu lassen. Ja, Kamakura ist ein Dorf wie es im Buche steht, aber das war nicht immer so. In längst vergilbten Seiten zwischen bald modernden Holztafeln steht eine andere Zeit beschrieben. Eine Zeit, in der Kamakura für ein paar glückliche Jahrhunderte das Zentrum des ersten Shogunats Japans war, der Sitz des Herrschers. Die alten Lieder der Geishas singen von Frieden, von Reichtum und einer düsteren Gefahr im Westen, die alles aufzufressen vermochte und doch letzten Endes mit ein bisschen Wind, dem Kamikaze, gestoppt wurde. Kamakura. Ein Dorf, ein Reich, ein erster Zugang in das ländliche Japan?

Alles begann im 12. Jahrhundert. Schon seit einigen Jahrzehnten war der Shogun die eigentliche Macht im Land. Das Kaisertum nichts weiter als eine Puppentheater auf großer Bühne, auf ewig nach Kyoto verbannt, dauerhaft mit sich selbst, endlosen Zeremonien und religiösen Prozessionen beschäftigt. Da kam ein Bote an den Hof des Shoguns in Kamakura, des wie man heute vielleicht sagen würde, Militärherrschers, mit einer beängstigenden Nachricht. Eine feindliche Flotte sei soeben über die koreanische Meerenge gekommen. Doch es kommt noch schlimmer: Die Mongolen, geführt von Kublai Khan, seien sich keiner Kampfetiquette bewusst und hätten trotz des rituellen Lärmpfeils zur Aufforderung zum Zweikampf der besten Kämpfer keinen Anstand gezeigt. Anstatt sich auf das edle Blutvergießen der Samurai einzulassen hätten sie direkt das heimische Heer angegriffen und hemmungslos in die Flucht geschlagen. Die Aufregung am Hof war natürlich groß. Seit knapp 200 Jahren hatte es in Japan keinen Krieg gegeben. Die Schwerter waren nur mehr Demonstration des Status ihres Trägers, der aber schon lange nicht mehr erlernt hatte mit ihnen umzugehen. Doch irgendwie gelang es im Nachgang dieser ersten Nachricht doch noch, den Feind aus seiner Angriffsposition zu drängen. Zurück auf die Schiffe, die kurz vor dem felsigen Strand geankert hatten. Vermutlich, rätseln Historiker heute, war es die übertriebene Ehrfurcht vor einem unbekannten Gegner die die Mongolen dazu veranlasste, kurzzeitig wieder auf ihre Schiffe zurückzukehren. Man hatte 200 Jahre lang nichts vom sagenumwobenen “Wa” erfahren, kein Bote, keine Information war nach außen gedrungen und so war schlicht nichts mehr bekannt darüber, wie stark die Macht des Reiches war. Wie viele Burgen sich hinter den grünen Hügeln dieser wundersamen Insel versteckten, deren Bewohner sich seltsamerweise noch in der völlig veralteten Mode der 400 Jahre zurückliegenden Tang-Dynastie kleideten.

Als der Feind zurück auf seine Schiffe vertrieben worden war gab es vielleicht zuerst einmal eine kurze Erleichterung im Land, doch die Gefahr war keineswegs gebannt, das war jedem bewusst. Das Reich hatte wirklich alle Reserven, jeden noch so kampfbereiten Mann bereitgestellt um auch nur den ersten Angriff des unbekannten Gegners zurückzuschlagen. Es galt nun zu hoffen und zu beten. Alle Wände der buddhistischen Klöster, alle Tore der Shinto-Schreine bebten Tag ein, Tag aus vom inbrünstigen Gesang der Mönche. Und es half, denn schon am zweiten Tag der Bootsflucht brach ein Sturm über die mongolische Flotte herab der seinesgleichen in den Geschichtsbüchern suchte. Die Wellen türmten sich meterhoch über die fremden Boote, der Wind wehte Männer in voller Kriegsmontur von den Planken und auch die Blitze taten ihr Werk um den Feind völlig zu zerstören. Kamikaze, der göttliche Wind, wurde dieser Sturm im Nachhinein getauft und die Klöster nahmen allgemein an für den Sieg in letzter Sekunde die Verantwortung zu tragen. Spätestens als 20 Jahre nach diesem traumatischen Erstkontakt des japanischen Shogunats mit seiner Außenwelt das exakt gleiche Ereignis ein zweites Mal aufkam war die Macht der Götter kaum noch zu verleugnen. Und ja, es kam erneut eine noch größere mongolische Flotte gen Japan gesegelt, diese ankerte zwar aufgrund der Erfahrung der letzten Expedition etwas weiter vom Ufer entfernt, doch auch sie wurde von einem schrecklichen Sturm in den Meeresgrund gejagt. Nein, das ist keine märchenhafte Sage aus alten Tagen, das sind historisch belegte Tatsachen die die Mythen und Erzählungen um das sagenumwobene “Wa” (Land der Zwerge) nur für weitere 300 Jahre anfachen würden. Selbst Marco Polo berichtete während seiner Asienreise von der alle Ausmaße sprengenden zweiten Flotte des Khans.

Von diesen verrückten und unsicheren Zeiten ist selbst heute noch etwas zu spüren. In Kamakura erzählen moosbewachsene Shinto-Statuen und majestätische Buddha-Tempel auch in modernen Zeiten von einer Pracht die man einem so kleinen, beschaulichen Ort nicht zutrauen würde. Der göttliche Wind weht über die anschaulichen Baumkronen der hügeligen Natur, bringt frischen Wind in ein ohnehin schon hippes Dorf, denn in Kamakura wird seither alles etwas anders gemacht. Hier gibt es hippe Shops mit süßen Souvenirs, die besten Bäckereien Asiens (Eine japanische Bäckerin erzählt uns stolz auf Deutsch von ihrem Backmeister und präsentiert uns eine perfekt gebräunte, knackige Brezel!) und Tempel jeglicher Couleur. Da steht mitten im Wald ein Katzentempel, ein Höhlentempel, ein Tempel mit Bambuswald und einer, der voller “mittelalterlicher” Wandbemalungen ist. In Kamakura zwitschern uns morgens Vögel ein göttliches Lied, es bleibt Zeit in einem der buddhistischen Klöster zu meditieren und die Ruhe wehte uns geradezu in unsere Herzen. Nach all den aufregenden Jahrzehnten der mongolischen Bedrohung scheint sich hier ein für alle Mal der Frieden breitgemacht zu haben.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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