Nicht weit entfernt von dem so beschaulichen, friedlichen Khajuraho zeugen gleich mehrere große Steinforts von noch größerem, vergangenem Prunk und vielleicht etwas weniger sicheren Zeiten als die Friede, Freude, Familiengründungs-Tempel der Provinz. Denn wo man hier noch fröhlich vor sich hin-XXXX galt es in Orchha, einem Ort in der Region Bundelkhand, Machtrepräsentation und Gemütlichkeit, Ästhetik mit knallharter Repression zu kombinieren. In diesem heutigen Dörfchen, nicht weniger beschaulich als das zuletzt besuchte, befinden sich Burgen und Paläste eines Königreiches welches sich im 15. Jahrhundert wenn nicht in Europa, dann doch zumindest in Indien einen Namen machte.

Bundela, das Königreich Orchhas, erstreckte sich über größere Gebiete im nördlichen Zentralindien. Um ein solches Reich zusammenzuhalten waren Bettgeschichten a-La Kamasutra-Jaho wohl nicht ausreichend. Daher schickten sich die Dynasten an, gleich mehrere überdimensionale Bauprojekte zu verwirklichen. Es gibt hier eine große, zentrale Burg mit mehreren kleineren Palästen innerhalb der Burgmauern, aber in direkter Nachbarschaft findet sich auch noch der höchste Tempel Indiens und weitere, nicht weniger beeindruckende hinduistische Tempel und Gedenkstätten. Selbst heutzutage fühlt sich Orchha ein wenig surreal an. Schaut man über die beschaulichen Hügelkuppen und wenigen kleinen Straßenzüge hinweg stoßen in alle Himmelsrichtungen Tempelspitzen und Burgtürmchen aus der gemütlichen Farmlandschaft. In einem kaum 10.000 Seelen fassenden Dorf finden sich manche der bedeutendsten Bauten ihrer Epoche, eingerahmt von von Affen geplagten Wasserbüffeln die ihre gemächlichen Runden um die Burgruinen drehen. Wie beeindruckend mag sich die Stadtsilhouette erst auf den mittelalterlichen Besucher gewirkt haben, wenn dieser noch nicht die absurden Großstädte wie Delhi oder Kolkatta kannte? Während dem Besuch der unterschiedlichen Bauten ist uns besonders aufgefallen, dass jede Stätte ihren ganz eigenen Charme besaß. Manche würden sagen, jeder Ort brächte seine eigene Energie, sein eigenes Karma, mit sich. Aber das wäre vielleicht doch noch ein wenig zu romantisch für eine Ruine, die vor allem auch von kriegerischer Machtdemonstration geprägt war.

Da ist zum Beispiel das Orchha Fort, der Hauptsitz des Königs. Einladend heißen die großen Eichentore ihre Gäste mit massiven Stahl-Stacheln willkommen. Angebracht um das Rammen von Kriegselefanten zu verhindern verfehlen sie auch heute ihre Funktion als Affenleiter nicht. So hereingebeten betritt man im Anschluss gleich eine Reihe Paläste die auf den ersten Blick völlig unbedeutend aussehen. Blanke Steinwände und eine schlichte Tür verheißen wenig Prunk. Doch sobald wir den Innenraum des Raja Mahal betreten wird die Genialität der Architekten schnell ersichtlich. In einem mehrstöckigem, quadratischen Gebäude mit Innenhof erstrecken sich in alle Sichtlinien Symmetrien und wunderschön verzierte Torbögen. Jedes Tor, jeder Turm und jede Kuppel scheinen genau am richtigen Platz und verstärken nur das Bild eines meisterhaft geplanten, majestätischen Wohnraums. Alles zentriert sich auf das private Leben im Innern, jedes Detail bringt Gemütlichkeit und Pracht zur Geltung. Die Innenräume zeugen noch heute mit ihren fantastischen Wandmalereien von lange vergangener Kunstfertigkeit, die Fenster brachten Licht und Wärme in eine Zeit, die zumindest für die 4-5 Konkubinen des Herrschers sicher nicht immer einfach war. Karierte Fenster und verdeckte Gänge zeugen von einem versteckten Leben, denn es war nur sehr wenigen Augenpaaren gestattet die Frau(en) des Herrschers zu betrachten. Besonders interessant fanden wir auch die völlige Abwesenheit von Treppen, zumindest auf den ersten Blick. Jede Möglichkeit in ein anderes Stockwerk aufzusteigen war so perfekt versteckt, dass kein Besucher von müsahm aufsteigenden, alten Königen belästigt werden konnte. Selten war unser Treppensteigen so privat.

Neben der mäjestätisch-gemütlichen Wohn-Atmosphäre des Raja Mahal waren die Royalen Chatris, die Gedenkstätten an alte Herrscher, eine völlig andere Nummer. Ruhig und bedächtig erinnerten die von Wildbienen bewohnten Türme an die mit dem Tod beginnende Ruhe und Friedlichkeit. Umrahmt von angelegten Seen und Gärten war es eine Wohltat, im Sonnenuntergang und abseits der meisten Menschen hier ein paar entspannte Minuten herumzuwandeln. So richtig die Seele unter anderen Seelen baumeln lassen.

Ganz anders wiederum die hinduistischen Tempel im “Stadtkern” Orchhas, wenn man die 100 Meter zwischen Dorfeingang und Innenstadt so nennen will. Im Kontrast zu den nur spärlich besuchten Burgen und historischen Ruinen waren die Tempel vielbesucht und aktiv genutzt. Direkt an den Basar für Opfergaben angeschlossen waren die Gläubigen aus ganz Indien hier darauf bedacht, auch ja die richtige Menge an Zucker-Masse zu spenden um den Segen der Gottheiten zu erhalten. Zu unserer Verwunderung war der höchste aller Tempel seltsam unbesucht, viel beliebter war ein grell-gelb bemalter Tempel nebenan. Hier gab es sogar extra Europa-Park-verwandte Ansteh-Reihen damit auch jeder Besucher die Chance auf ein heilbringendes Gebet bekommen konnte. Im großen Tempel fanden wir nur versprenkelte Sadhus die sich in aller Ruhe über die Sitzbänke fläzten und ab und an nach Geld fragten und den Rest der Zeit vor sich hin schnarchten.

Orchha ist zwar nicht auf der Reiseroute jedes Indien-Touristen, wir fragen uns aber auch eine Woche nach unserem Besuch immer noch, weshalb. Das Dorf ist einer der wenigen Orte Indiens an denen es möglich ist, Ruhe und Pause in diesem so lauten und spannenden Land zu finden. Gleichzeitig gibt es hier aber auch Bauten zu sehen die ihres Gleichen suchen. Für uns ist Orchha also definitiv ein versteckter Juwel auf dem Weg zum viel prestigeträchtigeren Agra, und einen Besuch mehr als Wert.