Ab in den Keller

Japan ·   ·  5 min zu lesen

Heute ist es mal wieder soweit. Ich habe meine Mitreisende mit einem ihrer zahlreichen Skizzenbücher zuhause gelassen, mich auf das Fahrrad geschwungen und bin direkt zum Cafe gefahren. Es zu finden war überhaupt kein Problem, ich mache das heute ja nicht zum ersten Mal und bis jetzt war es in ganz Asien kaum ein Problem, ein passendes zu finden. Am Eingang gebe ich kurz meine Kontaktdaten an, bezahle ein paar Cent pro Stunde und werde dann zu meinem Platz geführt. Einmal kurz die Finger gedehnt, alle Gelenke knacksen noch wie sie es sollten, und schon fährt der PC vor mir hoch. Denn das hier ist kein normales Cafe, nein, ich bin heute mal wieder in einem Internet-Cafe, einer PC-Gaming Höhle oder an einem Ort, an dem ein PC neben dem anderen steht und vor fast jedem Bildschirm ein angespannter Gamer sitzt und seine Finger wild in die mechanische Tastatur vor ihm hackt.

Ich lüfte heute ein gut behütetes Geheimnis unserer Reise, ein Kapitel, das vielleicht seltsam erscheinen mag, oder auf Unverständnis stoßen könnte. Ich bin heute nicht zum ersten Mal in eine internationale Gamer-Szene eingetaucht, habe dieses Hobby für abgedunkelte Räume, schlechte Soft-Drinks und ungesunde Bildschirmzeit selbst an den sonnigsten Orten wie in Thailand, Vietnam oder Kambodscha verfolgt und habe dabei jede Menge Spaß gehabt. Alle paar Wochen habe ich die Chance genutzt um mal ein bisschen PC-Action zu bekommen. Und da sitze ich nun in meinem super gemütlichen Gamingstuhl. Während ich auf die nächste Spielrunde warte schweift mein Blick über die Bildschirme meiner Nachbarn. Die meisten Bilder kommen mir sehr bekannt vor, hier werden eben meistens die gleichen Spiele gespielt wie bei uns Zuhause. Ich sehe das für mich so verwirrende League of Legends in dem 5 Fantasy-Figuren auf einer engen Karte gegen ihre Kontrahenten ankommen müssen. Ich sehe Taktik-Shooter wie Valorant oder Counter Strike und den ein oder anderen Rollenspiel-Bildschirm in dem ein entspannter Spieler zurückgelehnt nach neuen Abenteuern sucht. Im Hintergrund höre ich immer wieder laute Freudenschreie wenn mal eine lang-geplante Taktik aufgegangen scheint oder verzweifeltes Geheul wenn der Gegner doch eine Millisekunde schneller an der Tastatur war. Vielleicht war er aber auch nur am buchstäblich kürzeren Hebel, denn nicht alle Internet-Cafes haben den gleichschnellen Internetanschluss.

Es ist schön und spannend, so viele Gemeinsamkeiten mit Menschen zu teilen, mit denen ich meist kein Wort in einer Sprache spreche. Es wird sich über ein und den selben Erfolg gefreut, alle haben das gleiche Ziel und die Spannung ist manchmal kaum auszuhalten. Als besonders interessant empfinde ich die in Asien so weit verbreitete Gaminglounge-Kultur bei der die meisten Spieler in genau solchen Räumen zusammenkommen um miteinander Spaß zu haben. Ganz im Kontrast zur oft einsamen Gaming-Kultur in Deutschland wo jeder seinen privaten PC besitzt und nicht aus der Haustür treten muss finden sich hier alle an zentralen Spiele-Orten zusammen. Man schaut manchmal auch minutenlang einem besonders talentierten Spieler über die Schulter, fragt nach der Meinung zum neuen Harry Potter Spiel das der Nachbar gerade spielt oder mietet sich sogar einen Gruppen-Raum in dem dann wie bei den großen E-Sports-Events alles schon perfekt vorbereitet und aufeinander abgestimmt ist. Es ist ein Spektakel.

Der Höhepunkt des Reisegamings war für mich aber sicher mein Besuch in Tokyo. In Japan ist die Videospielkultur so stark in die Gesellschaft verwoben, sicher auch durch die Nähe zur populären Manga und Zeichentrick-Szene, dass es dort riesige Stadien gibt die nur zur Austragung von E-Sports-Turnieren gebaut wurden. (Das gibt es zunehmend auch in Europa). Ich hatte das Glück, dass genau zum Zeitpunkt unseres Tokyo-Aufenthaltes das weltweit größte Turnier des Jahres genau des Spiels abgehalten wurde, das ich so gerne spiele. Also habe ich diese einmalige Chance natürlich direkt genutzt und bin wie zehntausende weitere Fans vor Ort zu einem Turniertag ins Chiba-Stadion gepilgert. Das war ein magisches Event, das ich so schnell vermutlich nicht aus meinem Kopf bekommen werde. Das japanische Organisatorenteam hatte eigens für das Event einen Manga erstellt und keine Mühen gescheut, das Publikum zu begeistern. Im kreisrunden Oval einer ehemaligen Rennradhalle zentriert sich alles auf die von Scheinwerfern umrahmte Bühne. Zusammen mit mir völlig unbekannten Menschen fieberte ich dem europäischen Team zu, trauerte um jeden verlorenen Punkt und jauchzte bei jeder gewonnenen Runde. Es gab Sekunden, an denen im gesamten Stadion kein Atemzug zu hören war, selbst über die hunderte Meter und tausende Rücken zwischen mir und den Spielern auf der Bühne waren die Tastaturtipper und Mausklicke zu hören bis dann ein ums andere Mal ein Tosen durch die Menge ging wenn eine spannende Situation auf dem Bildschirm aufgelöst wurde. E-Sports Turniere sind oft über lange Strecken ziemlich spannend, denn anders als in traditionellen Sportevents sind die digitalen Spiele natürlich darauf ausgelegt, durchweg actionreich zu sein. In den Pausen lernte ich zufällig die Familie eines amerikanischen Teamspielers kennen die noch tausend mal aufgeregter auf jede veränderte Situation reagierten. Sie erzählten mir von dem harten Berufsalltag und den Anfeindungen die ihr Sohn in der Szene erleben musste, aber auch von der Erfüllung seines Kindheitstraumes und der Stolz in den Augen des Vaters war unverkennbar.

Das Gaming hat mich während unserer Reise also nicht völlig losgelassen, war ab und zu eine Rückkehr und Zuflucht zu etwas weniger Neuem. Es war aber jeder Abend super spannend einen Einblick in eine Subkultur zu erhaschen, die den meisten Reisenden vermutlich verwehrt bleibt. Ich genoß jede Minute mit meinen Mitspielern, hatte mit ihnen Spaß und fand zusätzlich ein bisschen Ruhe aus dem sonst so vollen, aufregenden Reisealltag. Selten habe ich mit mir Unbekannten so viele Gemeinsamkeiten verspürt, gemerkt, dass es doch die selben Themen sind, die uns hier wie überall interessieren und zusammenbringen.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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