7000 Stufen zur Schokolade

Nepal ·   ·  7 min zu lesen

“Auf geht’s! Hoch in die Berge, da oben sieht man ja schon ein paar Spitzen hinter den kleinen Hügeln im Vordergrund” schallt es mir durch den Kopf. Voller Elan sind wir die letzten Tage, im Wanderfieber, in unsere Wandervorbereitungen vertieft gewesen. Wir brauchten noch Mehrweg-Trinkflaschen (Plastik-Flaschen sind ab einer bestimmten Höhe verboten), Wanderstöcke zum ausleihen, ebenso Schlafsäcke gegen die Kälte und so weiter. Eine Trekking-Route war auch noch nicht final festgelegt, wir hatten uns also versucht noch in Pokhara, dem Startpunkt für ungefähr tausend Routen, ein bisschen zu erkundigen. Wie würde das Wetter werden? Welche Ausrüstung ist nötig? Haben wir genug Sonnencreme, Nussriegel und Kraft dabei? Ganz schön spannend, so eine mehrtägige Wanderung, und das, obwohl sie noch nicht mal angefangen hatte.

Nachdem wir uns dann in letzter Sekunde gegen die längere, höhere und schattigere Annapurna-Base-Camp Route entschieden hatten ging es dann früh am nächsten Tag los. Bis an den Haaransatz eingemulmt in Merino-Wolle watschelten wir zur Tourist-Bus Station und ließen uns Richtung Nayapul kutschieren. Durch die ganze Wolle ausreichend gepolstert bemerkten wir die “etwas ruckeligere” Straße, ein nur minimal eingefahrenes, ca. 2.5m breites Stein-Sand-Gemisch, erfreulich wenig. Zu groß war unsere eigene Aufregung, unsere Freude auf die kommenden Tage.

Unten in Nayapul angekommen ging es dann auch schon los. Wir packten unsere riesige Wanderkarte direkt an der “Bushaltestelle” aus und rätselten kurz, wo es lang gehen sollte. Als der Bus dann kurz darauf los fuhr wurde die Strecke allerdings klar, hatte er doch ein großes Schild mit der Wegbeschreibung verdeckt. Jetzt noch kurz die Stöcke auf die richtige Höhe eingestellt, wie war noch gleich die richtige Länge für Wanderstöcke?, die Schuhe noch etwas fester verschnürt und es konnte los gehen. Links, Rechts, Links, Rechts marschierten wir die beschauliche, aber etwas langweilige Straße herab ins Tal. Nach 3 Minuten wurde ein allgemeines Stopp-Kommando in der Zwei-Personen-Reisegruppe ausgerufen, das sei ja viel zu heiß hier. Also schnell noch aller Merino-Schichten entledigt, diese in unserem ohnehin schon überfüllten Rucksack verstaut, und weiter gehts. Ah nein, vielleicht doch nochmal kurz Sonnencreme, die Zipper-Hose halbieren und der Schuh, der liebe Wanderschuh sollte noch einer Feinjustierung bedürfen.

Nach den üblichen anfänglichen Holprigkeiten ging es dann aber auch nun wirklich los, hinauf Richtung Poon Hill. Wir starteten in einem wunderschönen Tal, und unser erstes Ziel war eine Tee-Hütte ein paar hundert Höhenmeter und einige wunderschöne Kilometer bergaufwärts. Entlang an einem süßen Flusslauf bekamen wir einen ersten Eindruck unserer Route, ab und zu von ein paar Jeeps mit lauffaulen Trekkern überholt, die die ersten zwei Tagesetappen zu einer eindampfen wollten. Wir durchquerten eine Reihe süßer Bergdörfer und kamen letztlich gegen Nachmittag in Tikhedunga an. Einen Ort, der nicht nur wegen seines Namens auch in jeden Astrid Lindgren Roman passen würde. Wir quartierten uns in unserem ersten Teahouse ein, einer Berghütte im einfachsten Nepal-Stil aber zumindest mit einer bezaubernden Aussicht. Nach einer kurzen Pause holten wir unsere Jonglagebälle heraus und ertüchtigten uns in der Kunst des Bälle-in-der-Luft-haltens. So nach und nach trafen ein paar weitere Trekking-Gäste ein und wir saßen noch einen gemütlichen Abend bei Dal Bhat zusammen. Das ist ein nepalesisches Gericht das hier auf jeder Hütte angeboten wird, es besteht aus Reis, Spinat, gebratenem Gemüse und einem dünnflüssigen Kichererbsen-Curry. Alles Zutaten, die in diesen Höhen direkt vor Ort angebaut werden, damit sie nicht selbst den beschwerlichen Weg zu den Hütten hoch laufen müssen. Und ein besonderer Vorteil: Ein Dal Bhat macht immer satt, denn es gehört mit zum Gericht, dass so viel Nachschlag wie benötigt serviert wird. Das perfekte Trekking-Gericht also.

Doch der zweite Tag sollte kommen, und wir würden über kurz oder lang lernen, dass Jonglagebälle, und derer nicht zu wenige, durchaus auch ein gewisses Eigengewicht mit sich brachten. Hatten wir uns zwei Tage zuvor noch lange Gedanken dazu gemacht, ob unsere normale Zahnpasta-Tube nicht zu schwer sei und wir deshalb extra eine kleinere gekauft, so bemerkten wir nun, dass die 3 Bälle die wir ausversehen zu viel mitgenommen hatten die andere Diskussion ein wenig ins falsche Licht rückte.

Noch früher am Morgen brachen wir auf, nur verzögert durch die etwas überforderte Gastwirtin, die gleich mehrere Frühstücke in Akkordarbeit zubereiten musste. Uns schwante schon nach der ersten Stunde voller Treppen, dass dieser zweite Tag unter einem anderen Omen stehen würde. Vorbei die Zeit des anstrengenden, aber auch gemächlichen Aufstiegs gen Poon Hill. Nun hieß es, Treppen, Treppen und danach noch ein paar Stufen hinauf. Knapp 7000 Stufen sollten unseren Tag einläuten, und weitere Passagen Steil den Hang hoch bis auf knapp 3000 Meter. Immer wieder kamen an uns größere Wandergruppen vorbei, die ihre eigenen Porter, also extrem voll gepackte Träger, dabei hatten. Da verbot es sich eigentlich von selbst, irgendein Wort über unsere Jonglage-Tasche zu verlieren. Diese Männer trugen sicherlich 10 Kilo mehr den Berg hinauf, und das auch noch jeden Tag. Neben den Portern begegneten uns auch regelmäßig tief gebückte Frauen, die frische Mandarinen, auch am Poon Hill angebaut, in Körben auf ihren Rücken anpreisten.

Am Ende des Tages waren es dann stolze 1500 Höhenmeter und zwei feine Sonnenbrände die unsere müden Gesichter zierten. Schon in der Abenddämmerung erklommen wir noch die letzten 300 Treppenstufen und dann tauchte vor uns ein riesiger Balken Toblerone am Horizont auf. Das war der Moment an dem mir klar wurde, das ganze hatte sich gelohnt. Die Aussicht, einen solchen Schoko-Berg vor sich serviert zu bekommen, beflügelte uns auf den letzten Metern. Allerdings verblasste neben den so langsam in der Dunkelheit versinkenden 8000ern auch meine Hoffnung auf eine Schoko-Skifahrt und wir suchten uns ein realistischeres Abendmahl.

Angekommen in Ghorepani fanden wir wieder eine schöne Herberge mit einem leckeren Abendessen. In den höheren Hütten gab es glücklicherweise zumindest einen beheizten Raum, die gemeinsame Stube in der sich ein Großteil des Abendgeschehens abspielte. Hier wurden frisch gefangene, winzige Fische von einem Fluß in der Nähe auf dem Ofen gebraten, es stand immer ein Topf mit kochendem Wasser auf dem Ofen und alle Wanderer kauerten sich um das wärmende Feuer. Es wurde erzählt, gerätselt und gelacht. Nur ungern verließ man dann Abends den Feuerplatz um ins eiskalte Schlafzimmer zu gehen. So kuschelten wir uns ganz tief in unsere Decken ein, es war mittlerweile schon spürbar kälter geworden, und hofften auf die wärmende Wirkung unserer “The North Face”-Schlafsäcke, unterstützt von 2-3 Lagen dicker Decken.

Auf dieser Höhe angekommen vergingen unsere nächsten Tage wie im Fluge, immer auf mindestens einer Seite umrahmt von der beeindruckenden Landschaft einiger der höchsten Berge überhaupt wanderten wir bei meist gutem Wetter die Bergrücken entlang. Mittlerweile waren wir akklimatisiert und konnten die selbst auf dieser Höhe noch sehr dichten fast Urwald-artigen Rhododendron-Wälder in uns aufsaugen. Wir kamen an Wasserfällen, idyllischen Tälern und dem ein oder anderen Trekking-Touristen vorbei. Abends spielten wir Karten, zeichneten, jonglierten oder schliefen einfach nur, während selbst in den abgeschiedensten Berghütten die Fußball-Weltmeisterschaft einem gespannten Publikum präsentiert wurde.

Als wir dann am letzten Tag in Gandhruk ankamen waren wir einerseits natürlich müde durch die vergangenen Tage der sportlichen Ertüchtigung, andererseits aber auch seelisch wieder etwas entspannter nach friedlichen Tagen in einer wunderschönen Natur. Wir frisch gebackenen Wanderstock-Experten spazierten noch ein wenig durch das über einen weitläufigen Berghang verteilte Dorf, versprühten überall den Duft nach frisch geschälten Mandarinen und freuten uns auch schon wieder auf die beste Pizza unserer Reise in Pokhara, dem ursprünglichen Startpunkt unserer Tour.

Robin

Der Ersteller und Maintainer dieses Blogs. Außerdem scheint er gerne zu jonglieren...

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